Von Viola Roggenkamp

Das Gepäck der Dame auf Zimmer 477.“ – „Haben Sie eine Nachricht für mich?“ – „Mein Schlüssel. 320.“ – „Was gibt es heute abend in der Oper?“ – „Tut mir leid, mein Herr, wir sind ausgebucht.“ – „Wo geht es zum Restaurant?“ – „Frau Doktor Brausemeier, bitte ans Telephon!“ – Bitte sehr, bitte gleich. An der Rezeption eines großen Frankfurter Hotels drängen sich die Gäste. In der Halle herrscht ein Kommen und Gehen wie auf dem Bahnhof einer mittelgroßen Kleinstadt. Koffer stehen beieinander wie Schafherden. Kongreßteilnehmer mit schwarzem Aktenköfferchen und ausgebeulten Hosenbeinen strömen aus Tagungsräumen, Sekretärinnen und Dolmetscherinnen strömen hinterher. Die Empfangsdamen an der Rezeption, die Hausdiener und Pagen haben alle Hände voll zu tun.

Kein Gast kann warten. Kein Gast darf warten. Der Gast ist König. An diesem obersten Grundsatz darf niemand rütteln. „Sehr wohl, mein Herr.“ – „Sofort, gnädige Frau.“ – „Was wollen Sie hier?“ Diese weniger geschliffene Frage gilt zwei Männern in blauen Overalls, die vom Portier am Haupteingang abgefangen werden. Die beiden Männer kommen von der Firma XY und müssen sofort das schwarze Ledersofa aus der Hotelhalle abholen.

„Was? In dem Trubel! Ausgerechnet am helllichten Tag. Können Sie nicht später am Abend kommen?“ Der Portier ahnt zu diesem Zeitpunkt gar nicht, wie recht er mit seinem Vorwurf hat. „Na, wenn’s sein muß. Aber fix“, damit die Gäste so wenig wie möglich durch den kleinen Transport gestört werden. Die Männer nicken und schreiten zur Tat.

Von der Rezeption aus wirft die Empfangschefin einen unwilligen Blick auf diese Szene. Drei Gäste müssen auf Bitten des Portiers ihren gemütlichen Platz auf dem Ledersofa räumen. „Was geht denn da vor? Frag mal nach“, sagt die Empfangschefin zum Pagen. Der nickt, und wieder wendet sie sich einem Gast zu: „Ihr Telegramm nach Toronto? Nein, wir haben leider noch keine Antwort erhalten. Tut mir leid.“ Zu dem zurückkehrenden Pagen gewandt: „Na? Was ist mit dem Sofa?“ – „Keine Ahnung. Soll zur Reparatur. Kommt wohl von oben.“ – „Aha“, denkt die Empfangschefin, „eine Anweisung der Geschäftsleitung. Idioten. Haben uns wieder nicht Bescheid gesagt. Schlamperei. Naja, dann ist ja alles in Ordnung.“

Der nächste Tag ist etwas ruhiger, und da sticht die Lücke, die das fehlende Ledersofa in die Sitzgruppe gerissen hat, besonders schmerzlich ins Auge. Doch entgegen der Zusage der beiden Blaumänner wird das teure Stück auch am frühen Abend noch nicht zurückgebracht. Ein Hausdiener bekommt Order, bei der Firma anzurufen. Er tut es. Die Firma weiß von nichts. Und nun wissen es alle: Das Ledersofa wurde entwendet. Geklaut. Am hellichten Tag, aus einer Hotelhalle, vor den Augen mehrerer Dutzend Menschen.

Ein dolles Ding? Ach, gar nicht mal. Das ist auch schon in anderen ersten Häusern vorgekommen. Schwere Kristallkronleuchter, Gobelins, handgeschnitzte Wetterbarometer, antike Sturmlaternen, geschliffene, zentnerschwere Spiegel oder Kunst aus der Parkanlage, Rehe aus Granit und Engel aus Gips stehen unter anderem auf den Verlustlisten renommierter Hotels im In- und Ausland. Professionelles Ganoventum? Organisierte Diebesbanden? Nicht doch. Gäste wie du und ich.