Von Gerhard Spörl

Bonn, im November

Horst Teltschik ist eine erfreuliche Erscheinung, weil er so wenig dem Bonner Betrieb entspricht. In der Kohl-Kamarilla fällt er durch seine Kompetenz auf, die er mit lässiger Konzentration vorführt und anwendet. Von der Beamtenschaft, der er als Abteilungsleiter im Kanzleramt zugehört, unterscheidet er sich durch seine geringe Abneigung gegen Öffentlichkeit. Die Polenreise Helmut Kohls hat er geplant, präsentiert und interpretiert. Er nimmt eine Sonderstellung ein, und er übt sie wie selbstverständlich aus. Wäre da nicht der anatomische Gegensatz zwischen dem knapp mittelgroßen, schlanken Teltschik und dem ausladenden Kohl, ginge das sachlich gerechtfertigte Urteil flotter über die Lippen: Er ist der Kopf des Kanzlers.

Im Grunde ist Teltschik institutionell nicht vorgesehen. Sein Einfluß beruht darauf, daß er immediat zum Kanzler steht. Seit siebzehn Jahren arbeitet er für Kohl, erst als Referent in der Mainzer Staatskanzlei, dann nach 1976 als Büroleiter des Bonner Oppositionsführers, der sich in der Welt bekannt machen wollte und sich mit der Welt vertraut machen mußte, und nun als wichtigster Berater Kohls im Kanzleramt. Aus der guten alten Mainzer Zeit sind viele Gefährten vom Schlitten gegangen oder gestoßen worden. Unter den Mohikanern zählt der jungenhafte Teltschik, der nun auch schon auf die Fünfzig zugeht, zu den allerletzten.

Wenigen hört Kohl zu, ohne ihre Rede zu unterbrechen; Teltschik gehört zu den Ausnahmen. Zwischen ihm und dem Kanzler ist über die Jahre großes Vertrauen gewachsen. Voraussetzung für dieses Sonderverhältnis ist unbedingte Loyalität. Kohl verlangt von seinen Beratern, daß sie auf eigenen politischen Ehrgeiz jenseits des von ihm gegebenen Amtes verzichten. Wer Herr ist und wer Knecht, ist damit ein für allemal geklärt. In der preußischen Tugendlehre, angewandt auf die Politik, fällt Teltschik das Dienen zu. Diese Selbstbescheidung kann dazu führen, daß der Diener sich ein erstaunliches Maß an Unabhängigkeit leisten darf. Auch davon macht Teltschik lebhaft Gebrauch.

Wem Kohl vertraut, dem bürdet er viel auf. Für Teltschik liegt der Reiz darin, daß er sich mitten im Minenfeld zwischen Kanzler und Außenminister tummelt. Schon seine Ernennung zum Abteilungsleiter für Außenpolitik kam einem Affront gleich. Nach Sitte und Gewohnheit wurde dazu bislang immer ein Beamter aus dem Stall Genschers berufen; gegen diese Konvention verstößt man nicht ungestraft. Und dem Einfluß Teltschiks auf Kohl ist es zuzuschreiben, daß Kohl den Außenpolitiker in sich entdeckte. Wer wirklich Kanzler sein will, kann da gar nicht Enthaltsamkeit üben. Aber Genscher, der Außenminister unter Helmut Schmidt gewesen war, verzichtete äußerst ungern darauf, Außenminister über Helmut Kohl zu sein. Schließlich brachte die Promotion Teltschiks zum Sonderbeauftragten für Polen das Faß zum Überlaufen.

Wo immer Pannen passieren und Probleme auftauchen, rügt das Auswärtige Amt den Mangel an Professionalität und zeigt leidend auf die Dilettanten im Kanzleramt. Unabhängig davon, ob Teltschik Mitschuld trägt oder nicht, haftet er für Kohls Mißgriffe. Bei der Symbiose, die beide eingegangen sind, kann das gar nicht anders sein.