Von Wolfgang Zank

Am Mittwoch, dem 11. November 1914, gab die Oberste Heeresleitung folgendes bekannt: "Westlich Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesang Deutschland, Deutschland über alles‘ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie. Etwa 2000 Mann französischer Linieninfanterie wurden gefangengenommen und sechs Maschinengewehre erbeutet."

Nur selten entfaltete eine Passage aus einer amtlichen Verlautbarung eine derartige Breitenwirkung wie dieser Heeresbericht über die Kämpfe in Flandern. Die Vorstellung von den singenden, jungen Regimentern bei Langemarck gehörte bald zum deutschen Allgemeingut. In einer schon 1919 gedruckten Geschichte des Weltkrieges von Paul Schreckenbach war zu lesen: "Kein Deutscher kann es ohne Bewegung lesen, daß die Jugend seines Volkes singend hineinstürmte in Kampf und Tod. Das waren die Kriegsfreiwilligen, die, notdürftig ausgebildet, jetzt an die Front getreten waren, zumeist Studenten, Schüler höherer Lehranstalten, junge Kaufleute und Landwirte, die beim Beginn des Krieges in auflodernder Begeisterung sich der Fahne geweiht hatten."

Bei Regimentstreffen und in vaterländischen Versammlungen wurde der Geist von Langemarck beschworen. Immer mehr Berichte von singend vorstürmenden Freiwilligenverbänden machten die Runde. Da konnte der ehemalige Kriegsfreiwillige Adolf Hitler nicht zurückstehen. Er war zwar bei Langemarck nicht dabeigewesen, aber sein Regiment lag Anfang November 1914 immerhin bei Gheluvelt, rund zwölf Kilometer von Langemarck entfernt. Zehn Jahre später diktierte Hitler seinem Sekretär Rudolf Heß in die Feder: "... bis plötzlich über Rübenfeldern und Hecken hinweg der Kampf einsetzte, der Kampf Mann gegen Mann. Aus der Ferne aber drangen die Klänge eines Liedes an unser Ohr und kamen immer näher und näher, sprangen über von Kompanie zu Kompanie, und da, als der Tod gerade geschäftig hineingriff in unsere Reihen, da erreichte das Lied auch uns, und wir gaben es nun wieder weiter: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!"

Hier sang also schon fast die gesamte Front, und außerdem sangen Hitler und seine Kameraden auch beim Nahkampf.

Insbesondere studentische Verbindungen nahmen sich Langemarcks an. Ein "Langemarck-Ausschuß Hochschule und Heer" konnte bei einer Veranstaltung den Berliner Sportpalast mit 15 000 Menschen füllen. 1932 wurde nach umfangreichen Spendensammlungen der "Studentenfriedhof" in Langemarck eingeweiht. Der Völkische Beobachter schrieb zwei Jahre später: "Schon heute ist Langemarck zum Wallfahrtsort der deutschen Jugend geworden. Ein wuchtiger Torbau empfängt den Besucher. Als heiligsten Raum enthält er den Weiheraum, an dessen Wänden die Namen der Gefallenen eingeschnitzt sind."

Im "Dritten Reich" gab es dann kein Halten mehr. Hermann Göring, unter anderem preußischer Ministerpräsident, ordnete an, Straßen, Plätze und Schulen nach Langemarck zu benennen. Alljährlich im November organisierte die Hitlerjugend "Langemarck-Feiern" mit Hymnen und Fahnen. Walther von Brauchitsch, 1936 Kommandierender General eines Armeekorps und zwei Jahre später Oberbefehlshaber des Heeres, gab einer Feier das folgende "Geleitwort":