Von Roland Kirbach

Schöppingen, im November

Erwin Wingenbach wachsen die Probleme allmählich über den Kopf. Er ist Leiter des Notaufnahmelagers im westfälischen Schöppingen, einer Außenstelle des längst überfüllten Aufnahmelagers in Gießen. Mehrere Telephone stehen auf seinem Schreibtisch, es klingelt fast pausenlos. Soeben hat er erfahren, daß er bis zum kommenden Wochenende jeden ’tag "eine Maschine aus Warschau" mit je 150 DDR-Übersiedlern aufnehmen muß. Wieder läutet ein Telephon: Ob er auch noch einen Sonderzug aus Prag unterbringen könne? Wie viele? 750, bestimmt nicht mehr?

Der Leiter legt den Hörer auf und stöhnt. Die Außenstelle Schöppingen braucht nun ihrerseits eine Außenstelle, um des Ansturms der Übersiedler noch Herr zu werden. Im Sennelager, einem Truppenübungsplatz der britischen Rheinarmee in Westfalen, werden nun ehemalige DDR-Bürger einquartiert. "Die Briten haben ein Manöver abgebrochen, um die Soldatenunterkünfte freizumachen", schmunzelt Wingenbach. Für das Verwaltungsverfahren werden die Ankömmlinge per Bus nach Schöppingen und wieder zurück ins Sennelager gebracht. Gewiß, die Soldatenunterkünfte seien nicht gerade komfortabel: Aber was soll er machen?

Auch die Aufnahmestelle Schöppingen, eine ehemalige, von holländischem Militär genutzte Nato-Kaserne, hat unter dem anhaltenden Flüchtlingsansturm gelitten. Im August wurde sie für rund 1,5 Millionen Mark schnell noch renoviert; inzwischen sehen die Quartiere und Büros arg ramponiert aus. In der Cafeteria und der Kantine stapeln sich Abfälle und leere Flaschen, es ist schmutzig, die Luft stickig. "Alkohol in der Cafeteria hab’ ich wieder abgeschafft", sagt Leiter Wingenbach. Ganz unterbinden könne er das Trinken aber natürlich nicht: "Die holen sich dann halt einen Kasten Bier aus dem Ort." Aber "Vorkommnisse" oder Beschwerden habe es noch nicht gegeben. Wingenbach: "Wenn ’s mal gar zu laut wird, setz’ ich mich dazu, trink’ ein Bier mit und nach ’ner Viertelstunde ist dann Schluß."

"An kriminellen Dingen", bestätigt Schöppingens Gemeindedirektor Hans Dillmann, "ist noch nichts vorgekommen." Da sei er "persönlich froh drüber", sagt er, strömen die DDR-Übersiedler doch seit Wochen "in Heerscharen" aus dem Lager in die kleine, knapp 6000 Einwohner zählende Stadt. Bisher hätten die Schöppinger die Neuankömmlinge stets "freundlich bis zum Geht-nichtmehr" aufgenommen. Sie hätten reichlich gespendet, mitunter auch DDR-Bürger nach Hause zum Essen eingeladen. "Wir haben uns an die neuen Gesichter gewöhnt, wie wir uns auch an die Tiefflieger hier gewöhnt haben", sagt Dillmann.

In jüngster Zeit jedoch registriert er immer häufiger Verstimmungen. "Diejenigen, die jetzt kommen, haben ein viel stärkeres Anspruchsdenken als die, die im Sommer kamen", hat Dillmann beobachtet. "Die erwarten mehr und wollen nur so schnell wie möglich an der Wohlstandsgesellschaft teilhaben." Auch Aufnahmestellenleiter Wingenbach hat das beobachtet: "Die nehmen nicht mehr alle Spenden an." Cordhosen etwa seien verpönt, es müßten schon Jeans sein. Und fast wehmütig fügt er hinzu: "Die ersten, die gekommen sind, das waren feine, gebildete Leute." Und jetzt? Wingenbach ziert sich. "Na ja", meint er schließlich, "jetzt ist es nicht mehr unbedingt die crème de la crème."