■ ie Menschen haben die Hölle der Ge- Vj schichte hinter sich und leben in einem schwerelosen Zustand der Sorglosigkeit, der allerdings mit Gluck nichts zu tun hat, denn sie sind irdische Wesen Vielmehr hat die Welt sich m eine vernunftige Einrichtung verwandelt Die Zeit der Naturkatastrophen ist vorüber, Krieg, Hunger und Not sind abgeschafft Das Programm einer ganz konkret verstandenen Aufklarung ist m Gestalt eines perfekten Kommunikations- und Informationssystems verwirklicht Der Mensch hat die Natur besiegt, aber diese Natur ist nicht beseitigt, solange es ihn selbst gibt Darum haben die Ruhe und der Frieden in der lichten Stadt Welt der Zukunft ihren Preis Der Buchtitel nennt ihn "Die Beschattung" Totale Information bedeutet totale Kontrolle Das öffentliche und private Leben spielt sich zwischen AUB (Autonomer Untersuchungsbehorde), DISSIP (Disziplinarischer Sicherheitspolizei) und SD (Staatlichem Sicherheitsdienst) ab Sie sorgen für den Schutz vor der Natur des Menschen, vor Ausbruchen von Gewalt, vor Wut, Lärm und den giftigen Produkten der Phantasie Die körperliche Natur wird notfalls mit Beruhigungsmitteln sediert Für die Ruhigstellung des Geistes sorgt das GIB, das Centralmstitut für Biographik Die Idee der Biographik ist einfach, alt und scheinheilig Sie bedeutet die Abschaffung der Luge, also die Abschaffung der Literatur Alles, was gedruckt wird, steht unter dem Gebot des Authentischen Die Bucher sind wahr Lebensnacherzahlungen, Ennnerungsprotokolle Das Centralmstitut für Biographik garantiert die Echtheit des Materials, das kostbar ist, denn in dividuelle Erfahrung und Erinnerung sind rar geworden im Zeitalter der Computersimulation Mit dea Methoden eines staatlichen Geheimdienstes, mit Sauberungsaktionen, Liquidierungen, Verhören und Hausdurchsuchungen werden Fälschungen und Diebstahl verhindert Die Wahrheit, die hier so ra biat verteidigt wird, ist das arme Gegenstuck der dichterischen Erfindung Die Literatur des Centralmstituts futtert die Menschen mit Erinnerung, um sich vor ihrer auf die Gegenwart und Zukunft gerichteten Phantasietatigkeit zu schützen Was sich in menschlichen Traumen auf Kosten des Reahtatsprmzips Geltung verschafft, das dem Lustprinzip verbundene utopische Bewußtsein, ist in nachgeschichthcher und nachhteranscher Zeit ein Sprengstoff, dessen Beseitigung die kurzgeschlossene Kultunndustrie besorgt Darum ähnelt die Geschichte des letzten Schriftstellers, den Martin Grzimek auf den hin tersmmgen Namen Felix Seyner tauft, einem halsbrecherischen Thriller So geht es zu, wenn das schlaueste Verbrechen, Sabotage, verübt wird So sehen Verfolgungsjagden aus, wenn Hochverrat im Spiel ist So verdeckt wird gefahndet, so raffi niert verlaufen die Fluchtwege Wer über die Zukunft redet, redet über die Gegenwart Auch Utopien und ihre Negative folgen einem Kursbuch, das sich auf die geschichtliche Wirklichkeit ihres Entstehungsortes bezieht Martin Grzimek wagt mit dieser Warnutopie den Schritt ms Zeitdiagnostische und ms größere er zahlerische Format Nach dem Roman "Berger" (1980), dem Erzahlband "Stillstand des Herzens" (1982) und der autobiographisch gefärbten Dorfchronik "Trutzhain" (1984) ist dies das vierte Buch des 39 Jahre alten Autors, sein ehrgeizigstes Wiederum erweist sich Grzimek als vortrefflicher Erzahl Ingemeur Er kann die Baustoffe des Erzählens sachkundig berechnen und geradezu schaltplanartig einsetzen Alles stimmt, die Erzahlpointe Inbegriffen, die er dem Kommissar der Untersuchungsbehorde in den Mund legt, der mit dem Fall befaßt ist Man werde nicht aufhören, den wirklichen Felix Seyner zu suchen, der imaginäre sei gefunden Der imaginäre Seyner steckt in dem Romanmanuskript, das der Kommissar vor sich liegen hat und das ihn in ein Labyrinth von irreführenden Hinweisen lockte Schreibend hat Seyner sich in einen Zustand des "Untenrdisch Sems" versetzt Diese Unsichtbarkeit bedeutet im Zeitalter totaler Information schon eine Form des Selbstgewinns Seyners Buch, das der Leser Martin Grzimeks zusammen mit dem Protokoll der Untersuchungskommission in Händen halt, schildert seinen Kampf gegen das Literaturinstitut in Form eines fiktiven Briefs Das ist eine Schreibweise des NichtWerkhaften Die poetische Mitteilung kommt scheinbar direkt aus dem Leben Zu dem fiktiven Brief gehört eine fiktive Antwort Sie stammt von dem Venschen, den Felix sich erträumt, von Fehcitas In ihrer Person versammelt Felix alle Elemente eines anderen, reineren Lebens Grzimek inszeniert mit den reichen Kontrastmitteln der Wechselrede das Selbstgespiach eines Zerrissenen, der in einem letzten verzweifelten Widerstandsakt sein elendes Leben als "Intelligenzsklave" des Centralmstituts schreibend m verbotene Literatur verwandelt, m einen Text, der die Gegenwart nicht in Vergangenheit verwandelt und das Leben nicht als Erinnerung, sondern als Vollzug beschreibt Grzimek gelingt im ersten < Teil des Romans ein Kunststuck indirekten Erzählens Die Raffinesse der Sabotageaktion spiegelt die Perfektion des ge<ellschafthchen Kontrollsystems Die Antwort des Madchens soll sein ein Selbstportrait des Schreibenden, der sich m einen anderen verwandelt Felicitas ist der Felix, der eine innere Grenzuberschreitung vollzieht, eine Metamorphose Die wilden Elemente dieses Vorgangs allerdings legt die Ingenieurskunst Grzimeks still Der Sturm, das Atemlose, Bodenlose, Furiose l egt außerhalb der Reichweite seiner Prosa, die funktionell ist, also anämisch und uniform Dem Erzahlprozeß, der Gegenstand des Erzählens ist, fehlt das Raffinement vorgeblicher Getriebenheit Das Buch ist ein geschlossenes Argumentationssystem In dem Text steckt ein Bekenntnis zur utopischen Kraft der literarischen Vision, die innerste Erfahrung formuliert, und der Glaube an die gesellschaftliche Rolle der Literatur Aber dieser Geschichte vom letzten Schriftsteller fehlt die letzte erzählerische Beglaubigung Grzimeks komplizierter Roman ist immer noch zu einfach Roman, Hanser Verlag, München 1989, 254 S , DM