Markt ohne Waren, Demokratie ohne Parteiensystem, Alltagssorgen ohne Ende – Polen tastet sich in die Freiheit

Von Peter Bender

Warschau, im November

Was seit dem Sommer in Polen geschieht, ist ohne historisches Vorbild. Wie Monarchien und Diktaturen sich zu Demokratien wandelten – dafür gibt es in Geschichte und Gegenwart reiches Anschauungsmaterial, doch den Weg vom Totalitarismus zum Pluralismus haben als erste die Polen beschritten, zugleich mit den Ungarn.

Natürlich kann man nur noch mit großem Vorbehalt von Totalitarismus sprechen, zumal in Polen, wo immer große Freiräume bestanden und das System noch schlechter funktionierte als anderswo. Aber auch in Polen waren Staat und Wirtschaft nach der sowjetischen Grundidee gebaut, daß die Partei als Schlüsselorganisation alles in der Hand haben muß. Kein Lebensgebiet, nicht einmal die Wirtschaft, wo die kommunistische Partei nicht inspirieren, organisieren und kontrollieren sollte.

Mit diesem stalinistischen Staat ist es nun vorbei, aber einen demokratischen Staat gibt es noch nicht; die alten Strukturen schwinden dahin, neue bilden sich erst langsam. Polen befindet sich in einem Übergangsstadium, das noch einige Zeit andauern wird. In allen Lebensbereichen herrscht ein Suchen und Experimentieren; radikale Lösungen wechseln mit konservativem Beharren; im Kleinen wie im Großen fehlen Erfahrungen und Vorbilder, so hält man sich an das, was man kennt oder noch im Gedächtnis hat: den Westen und Vorkriegs-Polen. Manches erinnert an die Gründerjahre der Bundesrepublik, als das angelsächsische Beispiel und Weimar die Maßstäbe gaben.

Jan Szczepanski, einer der bedeutendsten Köpfe des Landes, schreibt an einem soziologischen Kommentar zur Lage und bemerkt, so wie vor vierzig Jahren der Übergang zum Sozialismus nicht von einer starken Arbeiterklasse getragen worden sei, fehle auch dem gegenwärtigen Umbruch die soziale Grundlage. Was es an Besitzbürgertum in Polen gab, es war nicht sehr viel, wurde vom Kommunismus enteignet. Wie soll da eine Privatwirtschaft entstehen, wenn es kaum Privatleute gibt, die Kapital haben?