aris in den fünfziger Jahren, zur Zeit des Algerien Krieges: Eine Handvoll Wehrpflichtiger, die im Fort Neuf von Vincennes Dienst tun, macht sich Gedanken darüber, wie sie einem ihrer Kameraden den Kriegseinsatz in Nordafrika ersparen kann. Mit dem Unteroffizier Henri Pollak wägen sie die Möglichkeiten (und Risiken) ihres Planes ab und entscheiden schließlich, ihr Kamerad Karadings (der noch viele andere Namen mit den Vorsilben Kara- bekommt) solle Thanatinium Dragees von Dr. Morty Kohl einnehmen und einen Selbstmordversuch vortäuschen.

Die Sache geht kläglich aus. Karadings erhält einen Verweis und wird am nächsten Morgen mit nach Algerien verschickt. Das ist die stoffliche Grundlage von Georges Perecs "Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof?" aus dem Jahre 1966. Auf deutsch ist der Text erstmals 1970, auch damals in der Übersetzung von Eugen Heimle erschienen, der sie jetzt für die Neuausgabe überarbeitet hat.

Als Gattungsbezeichnung wählte Perec (1936 1982) für dieses Buch: "Epische Erzählung in Prosa ausgeschmückt mit Versornamenten " Er macht so von vornherein deutlich, daß es ihm nicht um das allenfalls Nacherzählbare des Textes zu tun ist — das hätte nicht mehr als den Umfang einer Kleistschen Ankedote ausgemacht. Auf 95 Druckseiten kommt das Buch dadurch, daß Perec verschiedenste Sprechund Redeweisen ausprobiert, daß er Varianten durchspielt, Namenslisten anlegt und am Ende ein alphabetisches "Verzeichnis der rhetorischen Floskeln und Redefiguren und, genauer gesagt, der Metabolen und Parataxen"

aufstellt, "die der Autor in dem soeben gelesenen Text zu identifizieren geglaubt hat". Es enthält 139 Positionen, hört allerdings bei dem Buchstaben P auf und entläßt den Leser mit der Aussicht auf eine im Prinzip endlose Verlängerung.

"Die zeitgenössische Literatur hat, von seltenen Ausnahmen abgesehen (Butor), die Kunst des Aufzählens vergessen: Rabelais Listen, die Linneesche Aufzählung der Fische in Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren, die Aufzählung der Geographen, die Australien erforscht haben, in Die Kinder des Kapitän Grant ", schreibt Perec in seinen "Anmerkungen zu den Gegenständen auf meinem Schreibtisch" (1976). Er bekennt sich damit zu seriellen Techniken zum Erzeugen von Texten, wie sie im 1960 gegründeten Oulipo, der "Werkstatt für potentielle Literatur" praktiziert werden. Seine späteren Bücher, vor allem "Das Leben Gebrauchsanweisung" (1978), prägt dieser Hang zum Katalog- und Kompendienhaften in ungleich viel stärkerem Maße.

Sie zielen auf das Ganze "eines unvollendeten Buches, eines unvollendeten Werkes im Rahmen einer Literatur" ab, "die niemals zu ihrem Ende kommen wird".

"Jedes meiner Bücher", so Perec 1979 im Gespräch mit Jean Marie Le Sidaner, "ist Teil eines Ganzen. Dieses Ganze aber vermag ich nicht zu definieren, denn es handelt sich da per definitionem um ein unabschließbares Projekt. Ich weiß nur, daß dieses Ganze sich einem noch viel größeren Ganzen einbeschreibt, und dieses wäre die Gesamtheit jener Bücher, deren Lektüre in mir den Wunsch zu schreiben ausgelöst und genährt hat "