Von Roland Kirbach

Eines schönen Sommertags, kurz nach der Erschaffung der Welt, so wird erzählt, saß der germanische Göttervater Odin, auch Wotan genannt, auf dem Hohlen Stein bei Kohlstadt und schaute sich an, was getan war.. Er blickte in die weite Ebene der Senne, damals eine Sandwüste ohne Baum und Strauch und ohne Wasser. Hier müßten Menschen leben, dachte er. Aber die Ode würde ihnen keine Nahrung geben. Das soll ihn so tief bekümmert haben, daß er eines seiner Augen nahm und in weitem Schwung hinaus in die Sandwüste warf. Und siehe da, wo es niederfiel, sprudelte plötzlich eine Quelle, tiefblau wie das Auge des Göttervaters.

So soll, der Sage nach, die Quelle der Lippe entstanden sein, die der Volksmund noch immer "Odinsauge" nennt. In der Mitte des Lippequellteichs kann man die dunkelblau schimmernde Stelle deutlich erkennen. Aus einem unterirdischen Felsspalt tritt mit Macht das Wasser hervor, zwischen fünfzig und siebzig Kubikmeter je Minute. Die Lippe gilt als die am stärksten schüttende Quelle der Bundesrepublik. Schon zwanzig Meter hinter ihrem Ursprung hat sie einst eine Mühle getrieben. In den siebziger Jahren wurde diese Mühle abgerissen – im Zuge eines allgemein grassierenden "Renovismus", wie August Leimenkühler bedauert.

Leimenkühler ist Heimatpfleger im Heilkurort Bad Lippspringe, dem die Lippequelle den Namen gegeben hat und der am Südausläufer des Teutoburger Waldes liegt. "Über die Lippe sind die Römer nicht hinausgekommen in Germanien", berichtet Leimenkühler. Die berühmte Schlacht im Teutoburger Wald im Jahr 9 nach Christus, als der Cherusker Arminius die Römer unter Varus schlug, fand ganz in der Nähe statt. Zwischen 776 und 804 hielt Karl der Große hier vier Reichstage ab. Im Jahr 780 unterzeichnete er eine Urkunde mit der Ortsangabe "Lippiogyspringiae, curte in Saxonia" – Lippspringe, ein befestigter Platz in Sachsen. Es ist die erste Erwähnung des Orts und gilt als seine Gründung.

In den Chroniken ist immer von den fontes Lupiae die Rede, von den Quellen der Lippe. Der Badearzt Wilhelm Fischer etwa schwärmte 1858 von den "80 kleinen Quellen" in Bad Lippspringe, "welche sämtlich ein krystallhelles und wohlschmeckendes Wasser liefern". Das rührt daher, daß die Quellen fast alle miteinander verbunden sind und ihr Wasser größtenteils aus klaren unterirdischen Strömen erhalten; nur gelegentlich kommt ungereinigtes Oberflächenwasser hinzu. Auch der Fluß Jordan, der nur wenige hundert Meter von der Lippequelle entfernt entspringt und im Westen Bad Lippspringes in die Lippe fließt, speist sich aus demselben Quellwasser wie die Lippe.

Als zu Beginn dieses Jahrhunderts in Bad Lippspringe eine zentrale Wasserversorgung angelegt wurde, verloren die zahlreichen Quellen indes an Bedeutung. Viele wurden zugeschüttet, andere in die Kanalisation geleitet. Heute spielen außer der Lippequelle nur noch die drei Heilquellen eine Rolle, deren älteste, die Arminiusquelle, erst 1832 entdeckt wurde: Schäfer hatten beobachtet, daß die nach der Schur oft erkälteten Schafe zum Trinken nicht zum Ursprung der Lippe gingen, sondern zu einer daneben gelegenen kleinen Untiefe. Dort trat sehr viel wärmeres Wasser zutage – die bis dahin unbeachtete Arminiusquelle. Ihr Wasser ist 20,5 Grad Celsius warm, und obwohl sie nur wenige Meter neben der "kalten" Lippe liegt, hat sie mit ihr keinerlei Verbindung.

Im Lauf der Zeit wurden weitere Thermen entdeckt, zuletzt 1962 die Martinusquelle. Sie ist mit 27,8 Crad Celsius die wärmste der Lippspringer Heilquellen, sie ist zudem die am stärksten sprudelnde Mineralquelle bundesweit. Mit ihrem Wasser werden Kliniken und Sanatorien versorgt, es wird für Trink- und Inhalationskuren wie auch für Badekuren verwendet. Vorwiegend ältere Menschen kommen hierher, viele davon bleiben für immer. "Alljährlich verzeichnet das Einwohnermeldeamt der Badestadt einen Zuzug von vielen Pensionären und Rentnern, die hier wesentlich beschwerdefreier leben als in ihren früheren Wohnorten", heißt es in einer Informationsschrift der Kurverwaltung.