enn von Anne Tyler die Rede ist, sind die Etiketten schnell gefunden. Sie schreibe unterhaltende Literatur, heißt es (na ja), von der gehobenen Sorte freilich (immerhin); vieles verbinde ihre Bücher mit denen von John Updike (freundlich formuliert), doch sie wage einen ganz eigenen, weiblichen Blick (ob es den wohl gibt?). Jedes Lob enthält einen verschwiegenen Vorwurf, und daß er so selten ausgesprochen wird, hängt wohl mit der ungeteilten Anerkennung zusammen, die Anne Tyler heute ebenfalls genießt.

Das amerikanische Publikum verschafft ihr inzwischen Bestseller Auflagen, mit dem Segen von Updike übrigens, der seiner Kollegin schon schwärmerische Kritiken gewidmet hat. Auszeichnungen und die Aufmerksamkeit des besseren Hollywood Kinos haben ein übriges getan. Der letzte Roman, "Die Reisen des Mr. Leary", profitierte gleich von beidem. Er gewann den National Book Critics Circle Award und glänzte in einer nicht minder glänzenden Adaption; Lawrence Kasdan verfilmte ihn mit William Hurt und Geena Davis.

Aber dies braucht das gönnerhafte Wohlwollen mit dem mißtrauischen Unterton nicht zu stören. Die Skepsis kann sich, wenn sie es nur darauf anlegt, an Anne Tylers jüngstem und elften Roman "Atemübungen" weiter schadlos halten. Ist der Pulitzerpreis, mit dem er heuer prämiert wurde, nicht immer ein Preis des allzu Populären gewesen? Fehlt der Nähe zum berühmtesten amerikanischen Middle class Chronisten, die Anne Tyler in ihrer Ehegeschichte mehr denn je beweist, durch den Verzicht auf sexuelle Deutlichkeiten nicht die Spannung? Eine Art Updike für Prüde! Und dann die Form: ein Leben, komprimiert zu einem einzigen Tag. Ein alter Trick. Und die billige Straßenmetapher, die das Ganze zusammenhält: Maggie und Ira Moran, ein seit 24 Jahren verheiratetes Paar, mit dem Auto von Baltimore, Maryland nach Pennsylvania unterwegs, um eine Beerdigung zu besuchen, während die Gedanken abschweifen und noch einmal den gemeinsamen Lebensweg rekapitulieren. Two for the road. Nicht erst Stanley Donens gleichnamiger Film mit Audrey Hepburn hat in vergleichbarer Weise Vergangenes vergegenwärtigt, eine Ehe Revue passieren lassen.

Und doch: Woran, einzeln beobachtet, jeweils ein Körnchen Wahrheit sein mag — zusammen ergibt es ein schiefes Bild. Es geht nicht darum, Anne Tylers Standhalten vor den Ansprüchen eines Kunstverständnisses zu beweisen, das Literatur danach beurteilt, inwieweit sie den ästhetischen Entwicklungsstand vorantreibt. Vor solchen Forderungen, die sich bisweilen an ein Fortschrittsdenken klammern, das auf anderen Gebieten obsolet geworden ist, versagt Anne Tyler ganz und gar.

Nun ist es mittlerweile aber auch zum Sport geworden, dagegen ebenso stur den reinen Unterhaltungswert auszuspielen. Wo etwas flüssig und halbwegs intelligent geschrieben ist, wo der Leser das Tempo, mit dem er Zeitung liest, beibehalten kann und obendrein immer wieder einmal einen Witz serviert bekommt, da gibt es schon Beifall. Bei Anne Tyler, die diese Qualitäten im Überfluß besitzt, müßte er sogar rauschen.

Der einen wie der anderen Haltung entgeht das Besondere an Anne Tylers Roman. Bücher sind keine Waffen, mit denen man seine Interessen ausrüstet. Im Kampfgetümmel verschwindet das konkrete Werk. Doch vielleicht handelt es sich längst nicht mehr um echte Interessen, die sich an Anne Tyler exemplarisch ausfechten lassen. Vielleicht verdecken sie vielmehr die Unsicherheit, heute eindeutig zu entscheiden, welche Literatur in der Überfülle des Geschriebenen noch kanonischen Status fordern darf — ja, ob es solch einen Status überhaupt noch geben kann.

Denn auf die Frage, ob man Anne Tylers "Atemübungen" gelesen haben muß, läßt sich nur antworten: Wahrscheinlich nicht. Man muß diesen weisen, komischen und ein wenig traurigen Roman nicht lesen, weil das Wissen über die Ehe, das er enthält, oder wenn man will: über jede langdauernde Beziehung, weil die darin festgehaltenen Erfahrungen wahrscheinlich nichts grundsatzlich Neues sind. Das Alte erzahlt er höchstens zeitgemäßer, zeitgebundener, lakonischer, alltäglicher: Elend und Glück in den Kulissen der Gegenwart. Und statt daß die Wirklichkeit, sagen wir wie in Flauberts "Madame Bovary", vor den Traumbildern der Kolportageheftchen auf der Strecke bleibt, tut sie es hier vor dem Gesäusel von Evergreens ä la "Love Is a Many Splendored Thing". So prächtig ist die Liebe dann doch nicht. Natürlich ist Maggie Moran nicht Emma Bovary, weder von der charakterlichen noch von der literarischen Anlage. Anne Tyler wäre töricht, sich mit Flaubert messen zu wollen. Die Grenzen ihrer Sprache sind die Grenzen ihrer Welt. Aber genau darin liegt wiederum ein Vorzug dieses Buches. Sie spricht die Sprache ihrer Figuren. Sie teilt mit ihnen den Zungenschlag, bevormundet sie nie. Anne Tyler begegnet den Bedingungen der Ehe, von der sie erzählt, auf dem Niveau des tatsächlichen Funktionierens.