Ford übernimmt Jaguar – der Kampf um betuchte Käufer wird weltweit härter

Von Heinz Blüthmann und Wilfried Kratz

Das Bild eines Meisters, der sorgsam und liebevoll einen Buchsbaumstreifen in das Walnußfurnier des Armaturenbrettes einpaßt, schmückt den Umschlag des 88er Geschäftsberichts – des wahrscheinlich letzten, den Jaguar als unabhängiger britischer Autohersteller vorgelegt hat. Für das Image von handwerklicher Kunst und erlesenem Geschmack ist der amerikanische Autokonzern Ford bereit, den weitaus größten Teil der rund 1,6 Milliarden Pfund oder umgerechnet 4,64 Milliarden Mark zu zahlen, welche die Übernahme der „großen Katze“ kostet. Auf diese stolze Summe einigten sich die Amerikaner mit dem Jaguar-Spitzenmanagement in der vergangenen Woche.

Seit seiner Gründung vor 86 Jahren ist Ford – heute hinter General Motors weltweit die Nummer zwei – der Inbegriff des Massenprodukts für den Massenmarkt. Nun kann der Konzern, der das Fließband erfand, in einen Bereich vorstoßen, wo gediegene Exklusivität eines der wichtigsten Verkaufsargumente ist. Jaguar soll den Eintritt in diesen Luxusmarkt ermöglichen, der Ford mit der eigenen Marke bisher verschlossen blieb.

Wie tief Ford für Jaguar in die Tasche greift, zeigt ein Vergleich mit dem derzeit besonders erfolgreich in der automobilen Oberklasse operierenden Konkurrenten BMW. Die Börse taxiert das bayerische Unternehmen auf knapp zehn Milliarden Mark, also nur knapp doppelt soviel wie Ford für seine Neuerwerbung zahlt. Aber: Jaguar fertigt jährlich lediglich 50 000 Wagen, BMW eine halbe Million. Und während Jaguars Gewinne von Jahr zu Jahr schrumpfen und derzeit gegen null tendieren, wird BMW immer profitabler und schafft allemal jährlich vor Steuern eine Milliarde Mark.

Ford zahlt nicht nur einen hohen Preis für die begehrte Marke, sondern muß außerdem beträchtliche Investitionen einplanen, damit der Erwerb des sehr kleinen Herstellers lohnend wird. Modernisierung und Aufstockung der Produktion sind dabei ebenso wichtig wie die Entwicklung neuer Modelle. Nicht nur der Erzrivale General Motors verbreitet die Meinung, daß Ford zu viele Dollars opfere. Der US-Konzern, in einer ähnlichen Marktposition wie Ford, hatte neun Monate mit Jaguar über eine Zusammenarbeit und eine Minderheitsbeteiligung verhandelt. Als der Jaguar-Vorstand dann schließich dem Drängen von Ford nachgab, räumte General Motors das Feld mit der Bemerkung, der wahre Wert der Jaguar-Aktie liege weit unter den von Ford gebotenen 8,50 Pfund, also umgerechnet knapp 25 Mark. Die Prämie von 3,8 Milliarden Mark auf den Buchwert des Unternehmens von etwas mehr als 800 Milliarden Mark könne nicht gerechtfertigt werden. Vom Unterlegenen im Kampf der Titanen ist eine solche Äußerung nicht gerade überraschend. In der Branche gehen die Meinungen auseinander, ob der Preis zu hoch ist. Einig sind sich die Experten in einem Punkt: Ford hat eine strategische Entscheidung getroffen, deren Richtigkeit sich frühestens im nächsten Jahrzehnt herausstellen wird, wenn weitere hohe Summen für den Angriff auf die Konkurrenz in der Mercedes- und BMW-Klasse die Ford-Kasse erleichtert haben.

Vor etwa einem Jahr dämmerte den Briten die unangenehme Einsicht, daß sie ihren Weg nicht allein fortsetzen können. Der wichtige nordamerikanische Markt, wo fast die Hälfte der Autos verkauft werden, schrumpfte nicht zuletzt wegen des im Vergleich zum Dollar hohen Pfundkurses. Der britische Markt, der beinahe ein Drittel der Fahrzeuge aufnimmt, und der unbedeutende kontinentaleuropäische Markt (Absatz im vergangenen Jahr 7876 Stück) brachten zwar hohe Zuwachsraten, aber keinen Ertragsausgleich. Der Gesamtumsatz wuchs um sieben Prozent auf 3,1 Milliarden Mark, aber der Gewinn vor Steuern schmolz um 51 Prozent auf 138 Millionen Mark.