Puertoricaner in New York, NeunteEcke 49. Straße, hat ein zusammengerolltes Bündel Dollarscheine im Schuh — seinen Beuteanteil vom letzten Überfall auf eine Rentnerin — und in der Hosentasche sein Messer, das unverzichtbare, das lange Reden überflüssig macht.

Sein Vater sitzt eine Gefängnisstrafe ab; er hat auf einer puertoricanischen Protestdemonstration einen Polizisten zusammengeschlagen. Seine Mutter liegt im Hospital, weil sie es aufgegeben hat, sich durch Essen am Leben erhalten zu wollen. Manchmal besucht Ramon sie. Er bringt ihr Geschenke vom ergaunerten Geld und erlebt dann, daß die Mutter, falls sie hin und wieder ihre Apathie durchbricht, ihn mit dem Namen des Vaters anredet. Ramon ist für niemanden vorhanden. Er haust allein, ernährt sich selber. Sein einziger Umgang ist die Bande, bei der festes Mitglied zu werden sein eifrig angestrebtes Ziel ist. Im Dschungel täuschen die Gesetze des Rudels Sicherheit vor, vermitteln sie doch den Anschein von Zugehörigkeit. Freundschaft und menschliche Wärme allerdings haben in diesem Milieu keine Chance.

Was Ramon aus dem Haufen der jugendlichen Verbrecher heraushebt, was ihn als Helden eines Buches rechtfertigt, sind eine besondere Fähigkeit und ein bestimmtes Bedürfnis. Er kann noch weinen, etwa wenn ihn seine Mutter wieder einmal nicht erkannt hat. Und in seiner anderen Hosentasche steckt ein Heft, in das er heimlich seine Beobachtungen und Gedanken notiert: ". Buch ist meine Schwester, Messer mein Bruder. Ich brauche sie beide Oder: "Krankenhauszimmer. Es ist immer grün. Wie der große Fischbehälter in Mrs. Ryans Tierhandlung. Den Fischen ist es egal, ob es Oktober oder sonstwas ist. Meiner Mama auch "

Als die Bande Ramon beauftragt, einen angeblich reichen alten Maler in dessen Wohnung auszurauben, findet er statt Geld nur Bilder vor — abstrakte Gemälde, an denen sich sein unentwikkelter Schönheitssinn begeistert. Zwischen dem verbitterten alten Menschenfeind und dem Jungen entwickelt sich eine seltsame Symbiose. Beide brauchen einander, da einer dem anderen die notwendige Bestätigung zuteil werden läßt. Die Bestätigung für den Maler, vielleicht doch kein Versager, sondern fast "so was wie Picasso" zu sein, und die Bestätigung für Ramon, daß er auch durch seine aufgeschriebenen Gedanken eine eigene, unverwechselbare Persönlichkeit zum Ausdruck bringen kann, daß es andere Fertigkeiten gibt als die mit dem Messer.

Myron Levoy, mit Auszeichnungen bedachter Kinder- und Jugendbuchautor, kennt das Milieu, das er dem Leser vorsetzt, kennt Slang und Verhaltensweisen seiner Outlaws aus Studien vor Ort. Und er bringt das Kunststück fertig, zwischen Szenen von äußerster Brutalität immer wieder Stellen einzuschieben, die einen daran erinnern, daß unsere Spezies in der Anlage gut ist.

Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Epple; Benziger Edition im Arena Verlag, Würzburg 1989; 19 80