Noch heute höre ich das Knistern und Krabbeln der Krebse im Korb. Braune, an den Seiten leicht olivgrün schimmernde Edelkrebse gab es vor fünfzig Jahren im Matzdorfer See in Hinterpommern. Prächtige Exemplare, bis zu fünfzehn Zentimeter lang, mit vollfleischigen, an der Unterseite rotgefärbten Scheren, die ordenlich kneifen konnten, und mit einem guten Happen Fleisch im gepanzerten Schwanz.

Ich krebste damals im dichten Ufergehölz mit drei selbstgemachten Fangtellern, bis ich zwanzig zusammenhatte. Der Rektor und der Postmeister in der nahen Stadt zahlten pro Stück zwanzig Pfennig, viel Geld damals, wenn man bedenkt, daß wir für ein Pfund Eicheln von den Ziegenhaltern einen einzigen Pfennig bekamen.

Mit Furcht und Ehrfurcht blickte ich durch das Weiden- und Erlengestrüpp am Seeufer auf das Jagdschloß des Grafengeschlechtes derer von Flemming. Für einen pommerschen Jungen war das Schloß der Inbegriff alter Ritter-Herrlichkeit, unerreichbar für kleine Leute. Aus einer Heldenballade hatten sich mir die Verse eingeprägt: „Und hoch wirft Hans von Flemming die Mütze in die Luft, es lebe Preußens König, die Schar einstimmig ruft.“ Einerseits wartete ich darauf, daß der Graf von Flemming vor das Portal trat, um, irgendeinem Preußenkönig huldigend, seine rote Husarenmütze (warum eigentlich rot?) in die Luft zu werfen, andererseits mußte ich höllisch aufpassen, daß mich nicht einer der Forstgehilfen mit grünem Hut erwischte, denn ich angelte und krebste, wie alle pommerschen Jungen damals, schwarz in gräflichen und sonstigen Gewässern. Und ich träumte im dichten Ufergestrüpp davon, einmal vom Grafen und seinem Gefolge, eine hübsche Tochter war natürlich auch dabei, empfangen zu werden, wenn ich es als Forscher, General oder Poet zu etwas gebracht haben würde. Irgendwann würde sich das schwere schmiedeeiserne Tor auch für mich öffnen.

Solches geschah fünfzig Jahre später, im Juli des Jahres 1989. Ich kam als schlichter Tourist mit einem Reisebus aus Lübeck über Rostock, Wismar, Neubrandenburg, Prenzlau, Stettin, Stargard und Massow. Und alle Türen und Gemächer des Matzdorfer Schlosses, sechzig Kilometer östlich Stettin, standen mir offen. Dazu der Park mit den alten Bäumen, der traumhaft schöne, waldumgürtete See, denn als polnisch-deutsches Hotel „Relaks“ wirbt das frühere Flemmingsche Schloß in Matzdorf (heute Maciejewo), restauriert und gepflegt, für „einen fürstlichen Urlaub in Polen“. Zielgruppe: betuchte Naturfreunde, Reiter, Jäger und Angler aus der Bundesrepublik und Skandinavien.

Ich schritt, nicht gestiefelt und gespornt wie in meinem Jugendtraum, sondern in leichten Sandalen über prächtigen rot-braunen Marmor, bewunderte alte Kachelöfen und ließ mir von hübschen Damen und einem befrackten Kellner Aal in Gelee in Törtchenform, ein leckeres, sahnig angesämtes Krebssüppchen und ein Putensteak mit pommerschen Kartoffeln servieren. Für etwa 4000 Sloty (zwei Mark) kippte ich zur Feier des Tages noch einen doppelten Wodka hinterher und schritt stolz wie weiland der Graf von Flemming über einen gepflegten Rasen hinunter zum See.

Wie es denn mit den Edelkrebsen im See sei, fragte ich die freundliche Polin, die uns begleitete. Ja, sagte sie, dort drüben würden Krebse gefangen, und sie schmeckten ausgezeichnet, besser als Hummer. Ich nickte zustimmend, dachte an Rektor und Postmeister. Die Erinnerungen krochen wie die Krebse rückwärts und setzten sich an einer ganz bestimmten Uferzone fest, doch die unten rotgefärbten Krebsscheren signalisierten HALT: Wenn du jetzt hinüberruderst und mit der Krebserei anfängst, fährt der Bus ohne dich ab. Georg Peinemann