Der König sitzt auf seinem Thron – und herrscht. Herr Herrenstein sitzt in seinem Rollstuhl – und schimpft. Herr Herrenstein ist ein Großindustrieller (Abteilung Waffengeschäfte), ein Greis und ein Krüppel. Trotzdem ist er ein König. Herr Herrenstein ist Thomas Bernhards letzter König.

Man könnte die grandiose Reihe von Bernhards Komödien auch als einen Zyklus von Königsdramen verstehen. Gewaltherrscher sind sie alle: Boris, der Krüppel, und Caribaldi, der Zirkusdirektor. Der Theatermacher und der Weltverbesserer. Minetti, der noch einmal den König Lear spielen möchte, in Ensors Maske. Der alte Schauspieler (in „Einfach kompliziert“), der sich in seiner ärmlichen Rentnerbude die Theaterkrone aufsetzt. Sie alle sind so unausstehlich, wie nur Könige sein können – und genauso einsam. Aber sie sind auch klüger als die Könige – weshalb die meisten von ihnen am Ende der Stücke auch nicht tot sind, sondern wider alle Vernunft am Leben. „Der Rest ist Schweigen“, sagt Prinz Hamlet. Und stirbt. „Jetzt will ich die Nudeln essen“, sagt der Weltverbesserer. Und ißt. Und wenn er nicht gestorben ist, dann löffelt er noch heute.

Thomas Bernhard ist tot. Er war der letzte König der Komödie. Bis irgendwann (übermorgen in Österreich?) ein neuer König kommt.

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Herr Herrenstein ist der Held einer Komödie, die ausdrücklich (so der Untertitel des Stücks) „keine Komödie“ sein will – was nach der Logik von Bernhards tückischem Wortgeklingel nur heißen kann, daß das Stück natürlich doch und erst recht eine Komödie ist.

Herr Herrenstein haßt. Er haßt Wien, versteht sich, und ganz Österreich. Die Sozialisten und die Nationalsozialisten. Die Kurorte, die in Wahrheit Todesorte sind. Die Luft in den Städten, die Luft auf dem Lande. Die Oper, außer „Cosi fan tutte“. Das Burgtheater, auch wenn es jetzt einen deutschen Direktor hat. Herrenstein ist die letzte Fassung des ewigen Bernhardschen Querulanten – wobei seine Bitternis von den Gebresten des Greisenalters noch verschärft wird. Seine Beine sind Kunstbeine, seine Zähne ein Gebiß; schlecht das Gehör, noch schlechter die Augen: „Ich kann kaum atmen / Alles tut mir weh / und es ist mir auch alles widerwärtig.“

Aber natürlich steckt in diesem grimmigsten aller Schmerzensmänner auch sein unverwüstlicher Zwillingsbruder. Herr Herrenstein hat die ganze tolle Lebenswut des Todgeweihten. Die Eßgier des Appetitlosen. Den Literaturhunger des Erblindenden. Den Musikfanatismus des Ertaubenden. Die bizarre Reiselust des Krüppels im Rollstuhl. Wie viele Königsdramen, so endet auch dieses in einem Massensterben. Herr Herrenstein, der urälteste von allen, stirbt natürlich nicht. Nun hat er sogar seinen Dichter überlebt.