Also ward im Jahre 1856 zu Berlin beschlossen, "eine Kommission von acht Mitgliedern zu wählen, die aus den Vorträgen der Herren Lehrer des Instituts ein Vademecum zusammenstellen soll". Gemeint war das Königliche Gewerbeinstitut in Charlottenburg, Vorgänger der inzwischen zur Universität avancierten Technischen Hochschule Berlin. Die "Zöglinge" des Instituts hatten im Jahre 1848 den heute noch existierenden Akademischen Verein Hütte gegründet, der den oben erwähnten Beschluß faßte. Das Resultat erschien ein Jahr später mit dem Titel "Des Ingenieurs Taschenbuch". So freilich nannten es nur Bibliothekare und Buchhändler. Bei den Benutzern hieß dieses hilfreiche Kompendium schlicht die "Hütte". Mit der zwanzigsten Auflage im Jahre 1908 hatte der damalige Verlag dann auch den Mut gefaßt, diesen Spitznamen offiziell in den Titel des Werkes zu übernehmen. Und das ist bis heute so geblieben.

In diesen Tagen ist die "Hütte" in ihrer 29. Auflage erschienen, völlig neu bearbeitet und insbesondere auf den neuesten Stand der Technik gebracht, eine gedrängte und dennoch mehr als 1400 Seiten umfassende Zusammenstellung all dessen, was ein angehender Ingenieur lernen und ein gestandener wissen sollte. Zielgruppe sind die — immerhin 190 000 — Studenten der Vordiplom Semester an Technischen Universitäten, Hoch- und Fachschulen. Der potentielle Benutzerkreis dürfte jedoch unvergleichlich viel größer sein. Denn die "Hütte" bietet keineswegs etwa nur Lehrstoff für Techniker. Wer immer etwas mit Naturwissenschaften oder Technik zu tun hat, ob beruflich oder aus Neigung, ob Physik, Mathe- oder Chemielehrer, ob Informatikprofessor oder Abiturient, Facharbeiter, Bastler, Journalist oder Sciencefiction Autor, findet in der "Hütte" eine belehrende Erklärung für alles aus Naturwissenschaft und Technik, was er seit seiner Studienzeit wieder vergessen oder — häufiger wohl — bislang noch nie so recht begriffen hat.

Zehn Lehrbücher in einem Band unterzubringen hat den 24 Autoren fraglos viel Disziplin abverlangt, und so zeigte es sich wieder einmal, daß wissenschaftliche Texte an Prägnanz und sogar an Verständlichkeit gewinnen, wenn ihre Verfasser gezwungen sind, auf professorale Redundanz zu verzichten. Sogar der Mathematik und Statistik ist es ausgezeichnet bekommen, auf 150 Seiten eingedampft zu werden — was einer so braucht, wenn er nicht gerade Mathematiker ist oder werden möchte, steht darin.

Trotz der Straffung haben es die Autoren vermieden, daß ihnen der Text zum Lexikonstil degenerierte. Mir hat besonders der Teil "Werkstoffe" gefallen, vermutlich deshalb, weil ich — ein Ahnungsloser auf diesem Gebiet — hier den Lehreffekt des "Hütte" Konzepts am eigenen Hirn erproben konnte — mit Erfolg. Selbstverständlich werden die modernen High Tech Gebiete, die Regelungs- und Steuertechnik und die technische Informatik behandelt; zudem ist in der geräumigen "Hütte" noch Platz für Informationen über Normung, Recht, Patentwesen und sogar — auf neunzehn Seiten — über Betriebswirtschaft.

Technische Abhandlungen werden oft mit Zeichnungen illustriert; keineswegs so selbstverständlich ist jedoch die vorzügliche Klarheit, die Peter Hinz den 1586 Bildern angedeihen ließ, nicht zuletzt deshalb, weil sich auch er und seine Mitarbeiter an das "Hütte" Prinzip halten mußten, Redundanz auszulassen — also auf jeglichen Schnickschnack zu verzichten.

Vier und ein halbes Pfund wiegt die "Hütte" — "dem Ingenieur ist nichts zu schwör" ow Springer Verlag, Berlin 1989; S , DM