Leipzig einfach?“ fragt der Bahnbeamte ungläubig nach. Das war ihm am Fahrkartenschalter Hamburg-Hauptbahnhof noch nicht untergekommen. Aber er hat sich nicht verhört. Silvana Hartmann, am 5. Oktober im Sonderzug über die Prager Botschaft in die Bundesrepublik übergesiedelt, will „einfach wieder nach Leipzig“.

Ihr Entschluß ist unumstößlich. „Auch wenn ich dafür ins Gefängnis muß.“ Aber die 21jährige weiß, daß ihr nichts passieren wird. Die DDR-Führung hat eine allgemeine Amnestie für Ruckkehrer erlassen. „Gestern abend, es war schon bald elf“, erzählt sie, „da habe ich nur noch die Papiere eingesteckt und bin los zur Autobahn.“ Schon wieder hatte es bei ihren Verwandten in Pinneberg Streit gegeben. Nach der Flucht, da seien sie dort schon großzügig aufgenommen worden. „Aber dann“, befindet sie, „auf länger war das doch nichts.“

Da stand sie nun, in ihren Röhrenhosen, den Stiefeln und der Jeansjacke, die Plastiktüte in der Hand, frierend an einer Auffahrt unweit Hamburg. Ihr Ziel: die Ständige Vertretung der DDR in Bonn. „Zum Glück“, sagt sie und blickt das erste Mal auf, „hat der Herr Weise mich mitgenommen. An wen hätte ich da geraten können?“ Jetzt sitzt sie bis zur Abfahrt des Zuges wieder im Büro des Hamburger Geschäftsmannes, der sie aufgelesen hatte. Sie ist schüchtern, einen Kaffee nimmt sie gern, ein Stück Kuchen ist schon zuviel. Die Augen, ohnehin halb unter dem blonden Pony versteckt, meiden den direkten Blickkontakt. Ein verängstigtes Kind, das sich verlaufen hat.

Der Geschäftsmann erkundigte sich erst einmal für sie beim Ministerium für Innerdeutsche Beziehungen nach den Modalitäten einer Rücksiedlung, sie rief ihren Arbeitgeber in Leipzig an, der informierte die örtlichen Behörden, und nun kann es mit einem Tag Verspätung wirklich losgehen: direkt über die Grenze nach Hause. Sie ist froh: „Dann bin ich ruhiger.“

Schon erscheint ihr alles wie ein Traum. „Vielleicht“, sagt sie, „wäre es besser gewesen, wenn wir in Hof nicht so empfangen worden wären. Dann hätte man gemerkt, daß es doch nicht so leicht ist.“ Sicher, räumt sie ein, „hier gibt es alles, was man sich vorstellen kann“. Stundenlang sei sie durch die Kaufhäuser gegangen. „Doch eigentlich bin ich hier nur herumgeirrt und habe den Weg nicht mehr gefunden.“ – „Klar“, gibt sie zu, und es klingt wie eine kunstliche Verbeugung vor dem besseren politischen System, „das ist ein freier Staat.“ Das aber sei es gerade: „Hier muß man seine Grenzen selber ziehen, und das macht mir angst. Wenn man anders erzogen wurde, ist das nicht so einfach.“

Wie sie hierhergekommen ist? „Das“, sagt die junge Frau und verzieht sich noch tiefer in den Jackenkragen, „kann man eigentlich gar nicht beschreiben. Das war wie ein Magnet, der Ruf nach Freiheit, wie im Unterbewußtsein.“ Sie setzt an, tausend Gründe wären aufzuzählen, „die ständige Bespitzelung“ und „die Verarschung deines Charakters dort“ und „die Neugierde, ob das stimmt, wie sie den Westen immer schlechtmachen“. Sie unterbricht, zuckt mit den Schultern: „Eigentlich auch, weil so viele gefahren sind.“

Da war ihr Cousin. Er hatte seine Ersparnisse bereits in tschechische Kronen eingetauscht. „Ich sag noch“, erinnert sie sich, „das machst du sowieso nicht.“ Doch er ging wirklich zum Bahnhof. „Jetzt fährt der einfach“, habe sie gedacht, „und drüben hat er vielleicht das schönste Leben. Der kann mich doch nicht hierlassen.“ Sie schrieb noch einen Abschiedsbrief für ihre Mutter und ihr dreijähriges Kind. Dann ging sie hinterher. „Der hat gar nicht versucht, mich zu überreden.“