Wie war das mit der Misere unserer Kulturzeitschriften? Transatlantik – gekentert und gesunken. Kürbiskern – vertrocknet. L’80 – eingestellt. Die Neue Rundschau – kopflos (nur wird sie der S. Fischer Verlag nicht gerade jetzt, an ihrem 100. Geburtstag, zu Grabe tragen). Litfas – am Ende. Die Sterbeliste ließe sich verlängern. Und selbst diejenigen Publikationen, die dank entschlossener Patronage (Klett-Cotta für den Merkur, Hanser für Akzente) einigermaßen gesichert dastehen, haben so geringe Auflagen, daß man sich schämt, danach zu fragen. Drei-, vier-, fünftausend (verkaufte) Exemplare – bei einer Bevölkerung von über siebzig Millionen in der Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz – sind schon ein Grund zur Zufriedenheit.

Da erscheinen jene 20 000 Stück, auf die es Lettre international im Durchschnitt bringt, doch geradezu als Weltwunder, pardon: Deutschlandwunder. Indessen: Auch Europawunder wäre richtig. Denn die Lettre führt das Wort „international“ nicht bloß im Titel – sie gehört zu einem ebensolchen Verbund, dessen Drahtzieher und Erfinder, Mittelsmann und Spiritus rector in Paris wohnt und Antonin Liehm heißt. Liehm gründete vor fünf Jahren die Zeitschrift Lettre internationale (mit e am Schluß, also französisch), um dem, wie er es nennt, „Provinzialismus der großen Kulturen“ eine Idee von Europa entgegenzusetzen, die nicht am Gemeinsamen Markt orientiert ist.

In den ersten drei Ausgaben standen Texte von Joseph Brodski und Noberto Bobbio, Italo Calvino und Bruce Chatwin, Hans Magnus Enzensberger und Istvan Eörsi, Jiři Gruša und Nadine Gordimer, Jan Kott und Danilo Kiš – kurz, eine in ihrer west-östlichen Internationalität nicht nur für französische Leser ungewohnte Mischung.

Liehm selbst ist eine, wenn man so sagen kann, ungewohnte Mischung. Bei ihm verbindet sich ein fast amerikanisches Machertalent mit mitteleuropäischem Geschichtsbewußtsein, französischem Sinn für Stil, englischer Distinguiertheit und der durchaus deutschen Lust, gelegentlich Fraktur zu reden. Antonin Liehm kommt aus der Tschechoslowakei. 1968 redigierte er die Literárny Listy, die Zeitschrift des Schriftstellerverbands, dessen Präsident seinerzeit Eduard Goldstücker war. Er verstand also schon etwas von Publizistik, als er vor zwanzig Jahren, nach dem Prager Herbst, seinem Land den Rücken kehrte.

Bevor er sich in Paris niederließ, führte ihn der Weg an Hochschulen in New York, Pennsylvania und London, wo überall er eine Zeitlang als Dozent für Literatur und Film arbeitete. (Über Filmgeschichte schrieb er auch mehrere Bücher; das jüngste erschien in diesem Sommer.) Doch mit sechzig Jahren packte ihn der Ehrgeiz, ein eigenes Periodikum zu gründen, nachdem einige Projekte, an denen er beteiligt war (unter anderem in der Bundesrepublik, mit Böll und Grass), schiefliefen.

Also sprach Antonin Liehm: Ich suche Texte voller Ironie und Selbstironie, ohne Egozentrik und Gratisprovokation, statt dessen präzise bei der Beschreibung und Deutung unserer Wirklichkeit, keine hohlen Zukunftsspekulationen, sondern brillante Formulierungen, dazu noch mit einer aktuellen Aura, wie es sich für eine wirkliche Zeit-Schrift gehört. Und siehe da: Die Auswahl war auf einmal gar nicht so sehr groß.