rene Disches "Fromme Lügen" sind besonders. Die Autorin ist in Amerika geboren; sie lebt in West Berlin. Sie ist katholisch erzogen; sie ist Jüdin. Ihr Buch ist auf englisch geschrieben, aber zuerst auf deutsch erschienen. Es ist des maroden Franz Greno letzter, passender Titel — und der erste der "Anderen Bibliothek" im Hause Eichborn. Es ist die einzige literarische Neuerscheinung, die um die Buchmesse herum nicht mehr lieferbar war "Fromme Lügen" sind uneingeschränkt zu empfehlen. Es gibt sie wieder.

Der Große Meyer (6. Auflage, 1909) ist unschlüssig "Ob die sogen, fromme Lüge, die von dem Grundsatz ausgeht: Ein Wahn, der mich beglückt, wiegt eine Wahrheit auf, die mich zu Boden drückt", zu rechtfertigen sei, bleibe dahingestellt. Die Skepsis ist berechtigt. Denn der beglückende Wahn verdeckt gefährliche Wahrheiten.

Am Ende der Titelgeschichte ist es heraus "Wir wollten der nächsten Generation die Scham des Wissens ersparen. Nicht alles Wissen ist erstrebenswert Irene Dische schreibt ihr ganzes Buch gegen diesen Satz. Aber nicht mit teutonischem Ernst, auch einem Zeichen der Nichtbewältigung. Sie erzählt ihre sieben Geschichten mit beträchtlichem Witz. Kein Qualm, kein Gerede. Dichte Szenen, knappe Dialoge, auch Boshaftigkeiten. "Gerda war katholisch, sie kannte sich aus mit der menschlichen Gemeinheit "

"Fromme Lügen" ist also mehr als der Titel der Schlußerzählung. Sie sind das Programm der Autorin, der Gegenstand ihre schriftstellerischen Genauigkeit Überraschungen und Spannungen gelingen ihr mühelos, sind scharf kalkuliert. Die frommen Lügen, von denen Irene Dische erzählt, gehen grotesk schief und tragisch bis komisch aus. Einmal sogar rührend schön, als Nanny Jackie sich schließlich zum greisen Dichter legt, der gerade gestorben ist.

Doch niemandem ist gedient damit, diese Geschichten verkürzt und damit notwendig verflacht nachzuerzählen. Den sehr verschiedenen Genüssen, Härten und Spannungen dieser Geschichten soll sich der Leser zu eigenem Frommen, möglichst ohne Lügen, selber aussetzen. Um darauf Lust zu machen, sei der Versuch gemacht, Irene Disches Methode zu beschreiben.

"Eine Jüdin für Charles Allen" ist die erste Geschichte des Bandes. Sie gibt am meisten zu denken. Was in ihr mit dem Leser geschieht, vollzieht sich mit unterschiedlicher Intensität in allen Geschichten von Irene Dische.

Ein Katholik aus Amerika gerät unter die WestBerliner. Der 36 Jahre alte Sohn jüdischer Emigranten aus Deutschland, in Amerika geboren, muß sein Erbe antreten. Er tritt es ein.