Von Katja Krausova

LONDON. – Seit über einem Jahr will mir eine Szene nicht aus dem Sinn, die ich 1968 in der Tschechoslowakei erlebte. Jedes Mal wieder wird sie lebendig, wenn ich die Zeitung aufschlage und Bilder von weiteren Menschenscharen sehe, die für Freiheit, Demokratie und vor allem für nationale Eigenständigkeit demonstrieren, ob nun in Estland oder in Aserbeidschan.

Mai 1968 in Bratislava. Das genaue Datum ist mir entfallen. Aber es war wohl irgendwann Mitte März, als wir über den studentischen Busch-Telegraphen erfuhren, im „Kulturpark“ solle eine große Veranstaltung stattfinden. (Diese Erfindung hatten wir den Russen zu verdanken: Der „Park für Kultur und Erholung“ war einer unter mehreren, die in unserem Land nach dem Krieg gebaut worden waren, eine architektonische Mißgeburt, eine Mischung zwischen Sporthalle und Ausstellungszentrum.) Auf jeden Fall bot der Bau den größten Versammlungssaal und war deshalb für die Veranstaltung an diesem Nachmittag gewählt worden.

Dort sollten wir das erste öffentliche Auftreten von Gustav Husák erleben, des slowakischen Kommunistenführers, seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Mai 1960. Husak hatte viele Jahre in Einzelhaft verbracht. Er hatte dort mit erstaunlicher innerer Kraft für seine Unschuld und Rehabilitierung gekämpft und all der Folter widerstanden, der er Anfang der fünfziger Jahre gleich nach seiner Inhaftierung ausgesetzt gewesen war. Das Regime konnte sich nicht darauf verlassen, er würde sich in einem Schauprozeß wunschgemäß verhalten; Husák war daher nie in einem öffentlichen Prozeß angeklagt und verurteilt worden.

Der Saal war bis zum Bersten gefüllt. Es war die Zeit großer Hoffnungen und Erwartungen; auf den Straßen konnte man Passanten beobachten, die an jedes Ohr ein kleines Radio hielten, um gleichzeitig den Rundfunk in Prag und in Bratislava zu hören. Jeder Tag brachte damals – wie auch heute wieder – einen neuen Aufbruch. Die Schleusen wurden geöffnet, die Menschen redeten über alles. Es schien, als gäbe es keine Tabus mehr. Wir waren gerade von der ersten „freien“ Studentenversammlung in der Universität gekommen, in der alles – vom Lehrstoff bis zur Verwaltung, vom Namen der Universität bis zur Reihenfolge, in der die Nationalhymne gesungen werden sollte – debattiert und kritisiert worden war. Und nun saßen wir hier, mitten unter der erregten Menschenmenge und warteten auf Husák.

Kurz nach drei Uhr gingen einige Männer auf das Podium. Ich weiß nicht mehr, wer sie waren und ob irgend jemand überhaupt Husák dem Publikum vorstellte. Er schritt zum Mikrophon und wartete, bis es im Saal ganz still war. Dann begrüßte er uns. Aber er sagte nicht „Meine Freunde“ oder auch nur „Genossen“, er sagte nicht „Meine Damen und Herren“ oder „Bürger“ – er sagte nur, sehr leise, aber sehr bestimmt: „Slowaken!“

Es war, als ginge ein Donnerschlag durch die weite Halle; es war unbeschreiblich. Menschen klatschten, schrieen, stampften mit den Füßen. Die Menge brüllte. Keiner unserer Generation hatte je erlebt, daß eine Gruppe von Leuten so angeredet wurde, niemand hätte es gewagt. Zwanzig Jahre lang war diese Anrede undenkbar gewesen: Von der Nation war verlangt worden, ihren Namen zu vergessen und ihre nationalen Vorstellungen zu unterdrücken. Nun aber sollte sie endlich – wie Dornröschen – aufwachen dürfen.