in "Reisender" kehrt aus dem "wimmelnden Getümmel" der Städte in die wildzerklüfteten Berge, in das Dorf der Kindheit zurück. Sein Vater ist gestorben und muß zu Grabe getragen werden, getreu einer uralt archaischen Tradition, welche vom Augenblick, da die Falten im Gesicht des Sterbenden "das Totenmuster zeichneten", bis zum Moment, da das Grab zugeschaufelt ist, alles Notwendige und Überflüssige in einem starren Regelsystem festgeschrieben hat. Doch die Heimkehr des namenlosen Sohnes gilt weniger dem Vater, von dem er sich langst losgesagt und schon als Kind mit der Vorstellung eines Todes in Gewalt, den er den Patriarchen erleiden ließ, getrennt hatte. Der Abschied gilt nicht dem toten Vater, sondern einer sterbenden agrarischen Kultur, die hier, an der Totenbahre eines Greises, noch einmal aufgeboten wird und mit all ihrer sinnlichen Pracht und lebensfeindlichen Macht, mit ihrer durch die Jahrhunderte gehärteten Besonderheit und ihrem für unzählige Menschen verheerenden Dünkel der Enge einen letzten großen Auftritt hat.

In einem mitreißenden, bei aller Kunststrenge doch ab- und ausschweifenden Prosa Gedicht läßt Florjan Lipus eine alte bäuerliche Kultur Europas, jene des slowenischen Berglandes im Süden Österreichs, just in der Schilderung eines Begräbnisses und seiner monströsen Vorbereitungen noch einmal aufleben und Sprache werden. Die"s nämlich ist der furiose Totentanz, den Lipus in seinem schmalen Roman "Die Verweigerung der Wehmut" entfesselt, vor allem: ein Sprach Kunstwerk, das der kollektiven Identität einer untergehenden Gesellschaft gewidmet ist und dieser, selbst im bitteren Spott auf ihre Zwänge und Rituale, ein grandioses Sprach Monument errichtet.

Der 1937 geborene slowenische Erzähler Florjan Lipus, dessen Internats- und Entwicklungsroman "Der Zögling Tjaz" einer der seltenen internationalen Erfolge war, die der europäische Literaturmarkt mit seinen rüden Machtverhältnissen den großen Dichtern kleiner Sprachnationen gewährt, hat sich in einem halben Dutzend Romanen mit dem (slowenischen) Dorf als sozialem Modell, als Ort der Verdammnis und der Auflehnung beschäftigt. In der "Verweigerung der Wehmut" ist Lipus das Kunststück gelungen, die düstere Provinzwelt zugleich zu verwerfen und zu preisen, sie als Zwangsordnung zu entlarven und ihrer unerhörten Überlebenskraft doch zu huldigen. Ein Ort der Gewalt, der Unterdrückung, wo "keine Zeit für eine Kindheit" war, ist das Dorf der Väter gewesen — aber eben auch eine Welt, die in sperrigem Beharren der Gewalt der universellen Vereinheitlichung lange widerstand.

Der Roman, dessen (kaum übersetzbarer) Originaltitel ungefähr "Schaler, fruchtloser Wermut" bedeutet — Wermut, nicht Wehmut: im Titel von Lipus ist das Bittere anwesend und nicht dessen Gegenteil, das Wehmütig Süße, bloß für abwesend erklärt —, ist ein großer Totentanz in vier Auftritten. Im ersten Teil nähert sich der "Reisende" im Zug den engen Tälern der Heimat, und im Halbschlaf gehen ihm die Toten seiner Kindheit durch den Sinn: etwa die Großmutter, eine wahrhaft mythische Gestalt, die die Fähigkeit besaß, das "Gerstenkorn" an den Lidrändern zu "ernten", also durch magische Sprüche zum Verschwinden zu bringen.

Der zweite und dritte Teil entfalten im Haus des Verstorbenen wahre Reigen Rabelaisscher Freßlust und Daseinsfreude unter den Trauergästen, die, kaum daß "der Greis zwischen die Kerzen gehoben" wurde, vom "Sog des Totenhauses" aus allen Richtungen herangezogen wurden. Wie sich immer mehr Menschen im Zimmer des Aufgebahrten zusammenfinden und aneinanderdrängen, um über die Nacht vor dem Begräbnis die Totenwache zu halten, das hat Lipus so grotesk wie minuziös mit gleich viel Spott und Zuneigung und vor allem mit enormen Kenntnissen von regional spezifischen Alltagsdingen, Verhaltensweisen, Sitten und Gebräuchen, Speisen und Gerüchen gestaltet. Das große Fressen oder jenes Erwachen einer unbändigen Kratzlust unter den zum Stillhalten vor der Leiche Verpflichteten, diese ganze alsbald dampfende und dünstende Leiblichkeit, zu der Lipus seine Trauergemeinde zusammenballt, ist mit gallebitterem Humor, aber ohne jeden Hauch von Verachtung beschrieben. Im vierten Teil mag man sich schließlich selbst des Sprachwitzes von Lipus — den auch Fabjan Hafner, einer der begabtesten unter den jungen zweisprachigen Schriftstellern der Kärntner Slowenen, in seiner vorzüglichen Übersetzung nicht immer nachbilden konnte — kaum mehr erfreuen. In verdeckten Erzählweisen werden da die ungeheuerlichsten Dinge im Nebensatz erwähnt, und der Totentanz wird zur Chronik einer fast schon verlassenen Region: Einst hatten hier Not und Härte geherrscht — wie bei den Holzfällern, die nur sonntags aus den Wäldern gekommen sind und dann ihre zehn, zwölf Kinder gleich für die ganze Woche prügeln mußten. Wo Armut und dumpfe Gewalt war, dort vermag der Reisende, der statt zum Begräbnis schließlich lieber über die Felder und Steilhänge geht, auf denen auch seine Jugend in der Zwangsarbeit der Bauern vergeudet wurde, jetzt nichts als Verfall und Tod, ja die Wiedereroberung einer kargen Kulturlandschaft durch die rasch sich über die Spuren der Menschen schließende Natur zu erkennen. Keine Wehmut kommt da auf, aber doch die bittere Ahnung, daß selbst dieses Ende nicht nur Erlösung, sondern auch Verlust bedeutet.

H Florjan Lipus:

Die Verweigerung der "Wehmut Roman; aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner; Residenz Verlag, Salzburg 1989; 126 S, 24 - DM