Von Wolfgang Clemens

Ingolstadt

Gäbe es eine Konkurrenz um das häßlichste Haus, dann gebührte der Hindenburgstraße 59 einer der vorderen Ränge: ein fünfzehn Jahre altes Wohnhaus an der Nordumgehung von Ingolstadt. Der scheibenförmige Betonklotz, hundert Meter lang, zwölf Meter tief und fast dreißig Meter hoch, beweist die von Kostenrechnern und Planfertigern verleugnete Bedeutung ästhetischer Gesichtspunkte.

Wer auf der sechsspurigen „Nordtangente“ an der Fassade entlangfährt, fragt sich, was seinerzeit in den Hirnen des Bauherrn (der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt GmbH) und der verantwortlichen Architekten (eine Arbeitsgemeinschaft der Büros Geith, Kolb und Stich, dortselbst) abgelaufen sein mag, ganz zu schweigen von den Beamten der Genehmigungsbehörde und den Verteilern von Zuschüssen aus Steuermitteln. Eine Teilantwort gibt die zwischen Selbstkritik und Klage über den Wandel der Zeitläufte pendelnde Stellungnahme des Eigentümers. Sie ist enthalten in einer von der Obersten Baubehörde herausgegebenen Hochglanz-Broschüre „Ein Hochhaus / weiterdenken – weiterbauen – weiterwohnen“: „Der Zeitgeist setzte auf das Kalkül, und nicht auf das Gefühl.“

Die Stadt Ingolstadt und der Freistaat Bayern begrüßten die wirtschaftliche Bauweise (6,5 Millionen Mark für 75 Dreizimmerwohnungen von 78 beziehungsweise 66 Quadratmetern und einem Ladengeschoß). Das Bauamt pries den „Solitir“, eine „städtebauliche Dominante“ – und das in Sichtweite der im Krieg arg mitgenommenen Altstadt und ihres weitgehend erhaltenen Festungs-Glacis. Denkmalverdächtige Gelände, Remisen in typischem Backstein-Sichtmauerwerk, wurden dem Neubau geopfert. Wie heißt es so treffend: „Ein Lob der Behörden ist für den Bauherrn sicherlich ein Indiz für die Richtigkeit seiner Investitionsentscheidung.“

Die Betroffenen sahen das anders, besonders die in den Sozialwohnungen (1986 wohnten im Haus fast ausschließlich Arbeiter- und Rentner-Familien, zwanzig Prozent Ausländer und dreizehn Prozent Arbeitslose): „Man schämt sich, Besucher zu empfangen.“ Das ursprünglich als leeres „Luftgeschoß“ gedachte, dann aber – angeblich aus Lärmschutzgründen, aber vermutlich auch, weil’s rentabler war – ausgebaute Erdgeschoß beherbergte neben einem Sanitärgroßhandel ein türkisches Lebensmittelgeschäft sowie eine provisorische Moschee.

Die Fluktuation war hoch (im Schnitt drei bis vier Mieterwechsel seit dem Erstbezug), immer mehr Wohnungen standen leer. Mutwillige Beschmutzungen und Zerstörungen sowie Fahrraddiebstähle nahmen zu. Darunter litten vor allem die Gemeinschaftsanlagen, also Keller, Lift und Treppenhaus, und natürlich die offenen Außenflure, Laubengänge genannt, doch eher an die Zellengänge von Gefängnisbauten erinnernd. Die ratlose Baugesellschaft, die noch heute „mangelnde Akzeptanz trotz nachfragegerechter Konzeption“ beklagt, erwog alle erdenklichen Möglichkeiten der Abhilfe. Die Anlagen in Eigentumswohnungen umzuwandeln war wegen der mangelnden Attraktivität chancenlos, ebenso kurzfristige Nutzungen als Schwesternwohnheim oder Appartement-Hotel. Käufer (inklusive der Firma Audi) winkten ab.