ie Unterwerfung des Mannes unter die geliebte Herrin, der er sich als leibeigener Diener ausliefert — das ist eine typische Gebärde des klassischen Minnesangs:

Mit dem tatsächlichen Verhältnis der Geschlechter im Mittelalter haben derlei demütige Posen freilich nichts zu tun; die Wirklichkeit sah anders aus. Nun stammt aber das einleitende Zitat gar nicht aus einem Minnelied, auch wenn es durchaus Verwandtschaft zu dessen Allüre der koketten Ergebenheit aufweist. Vielmehr finden die Zeilen sich in einer Sammlung von nicht weniger als sechs in höfischen Reimpaaren abgefaßten Liebesbriefen des späten 13 oder frühen 14. Jahrhunderts, die m einem zierlichen, schmucklosen Manuskript überliefert ist.

Das kaum scheckkartengroße Pergamentheftchen wurde schon 1843 beim Umbau eines Hauses in Zürich (im Gebälk) entdeckt und gehört seitdem zu den Schätzen der Zürcher Zentralbibliothek. Durch unsachgemäße chemikalische Behandlung der acht Blättchen im 19. Jahrhundert wurde deren Beschriftung stark beschädigt, und erst dem wissenschaftlichen Dienst der örtlichen Stadtpolizei gelang es vor kurzem, den verderbten Text aufzuhellen und (fast) vollständig lesbar zu machen. Damit ist ein bemerkenswertes Korpus von Reim Episteln zurückgewonnen, das nun in einer sorgfältig gemachten, hübschen Liebhaberausgabe als bibliophiler Druck vorliegt.

Bei den gefälligen, ganz in der Konvention des Minnesangs verfaßten Versen handelt es sich allerdings keineswegs um authentische Zeugnisse einer mittelalterlichen Briefkultur, sondern vielmehr um literarische "Modellbriefe", deren Abhängigkeit vom modischen Vorbild der höfischen Lyrik und Epik durch den hohen Anteil standardisierter Formeln und Attitüden bezeugt wird.

Der Einfluß einer verbindlichen Tradition auch durch rhetorische Musterbücher der Zeit ("Ars dictaminis") schlägt sich in sprachlichen und inhaltlichen Formalisierungen allenthalben so deutlich nieder, daß an eine private Zweckbestimmung dieser poetischen Billetdoux mit ihrer genormten Intimität kaum zu denken ist. Gegen eine solche personlich gemeinte Verwendung spricht überdies die Vermutung, daß diese Sammlung um die Mitte des 14. Jahrhunderts einem Konstanzer Liebesbriefsteller als Vorlage gedient hat.

Die von Max Schiendorfer mustergültig besorgte Neuausgabe der sechs Liebesbriefe bietet zunächst eine vergrößerte, photomechanische Abbildung der kleinformatigen Pergamentseiten, sodann einen diplomatischen Abdruck, also eine buchstabengetreue Transkription des Textes, und schließlich eine moderne wissenschaftliche Edition des Ganzen, der eine unprätentiöse Übersetzung ins Neuhochdeutsche synoptisch gegenübergestellt ist (Ausgerechnet das Zitat im Buchtitel allerdings stellt, wie der Vergleich der Fassungen offenbart, eine fragwürdige Mischung aus präziser Wiedergabe und Normalisierung dar ) Ein gelehrtes Nachwort ordnet diese wohl ältesten deutschsprachigen Liebesbriefe in den literaturhistorischen Kontext mittelalterlicher Liebesbriefdichtung ein. Und als besondere Kostbarkeit ist dem Band ein komplettes Farbdruck Faksimile des Kodex in Originalgröße beigegeben, dessen Unleserlichkeit ahnen läßt, welche Mühe der Herausgeber bei seiner verdienstvollen Arbeit gehabt haben dürfte. mine sinne di sint mine Zürcher Liebesbriefe aus der Zeit des Minnesangs; wissenschaftliche Bearbeitung von Max Schiendorfer; Kranich Verlag, Zollikon 1988; 94 S, 75 - DM