Eine Studie belegt: Ärzte schieben die „Gefühlsarbeit“ auf die Schwestern ab

Von Claudia Wessel-Hanssen

Wut aufs System“, so resümiert Jürgen Wilhelm das Ergebnis einer Studie, die er gemeinsam mit seiner Hannoveraner Kollegin Elke Balzer an der Abteilung für Medizinsoziologie der Universität Göttingen angefertigt hat. Wilhelm und Balzer haben 34 Schwestern und Pfleger auf Intensivstationen über ihr Verhältnis zu den medizinischen Kollegen, zu Arztinnen und Ärzten befragt.

Die Studie kann nicht als repräsentativ gelten, aber sie ist die erste ihrer Art – und das Ergebnis ist erschreckend negativ. Es läßt den Schluß zu, daß die „Droge Arzt“, die der ungarische Psychoanalytiker Michael Balint als wichtigstes Medikament zur Genesung empfahl, im Klinikalltag offensichtlich viel zu wenig verordnet wird.

Die befragten Göttinger Schwestern und Pfleger empfanden die Arbeitsaufteilung so: Statt Einfühlsamkeit und Gesprächsbereitschaft in die Behandlung zu integrieren, schiebe der Arzt die „Gefühlsarbeit“ auf die Schwestern ab. Er selbst konzentriere sich auf die technisch-wissenschaftliche Seite der Patientenbetreuung.

Das Pflegepersonal sieht bei dieser Arbeitsaufteilung den entschieden schlechteren Teil für sich: viel Arbeit und wenig Lohn, große Anforderungen und geringes Ansehen. Dabei ist auf Intensivstationen, also am Arbeitsplatz der hier Befragten, gewöhnlich die „Elite“ der Schwestern- und Pflegerschaft zu finden. Die Arbeit hier gilt im allgemeinen als attraktiv, verspricht sie doch – im Vergleich zu den Arbeitsbedingungen auf den Normalstationen – Vorrechte, höheren Verdienst und Aufstiegschancen, dazu größere Befriedigung durch selbständiges Arbeiten, einen besseren Zusammenhalt im Team und eine gewisse Statusangleichung an die Mediziner, da sich die Tätigkeiten der beiden Berufsgruppen in diesem Arbeitsbereich annähern.

Das bedeutet aber offensichtlich nicht, daß die Vertreter der beiden Gruppen besser miteinander auskommen. Balzer und Wilhelm stießen bei ihren Recherchen auf viele Vorbehalte, jedenfalls auf Seiten der Pflegenden gegenüber den Kollegen der Medizin. Konflikte entstehen, so schließen die Autoren der Studie aus den Antworten und Beobachtungen, zum einen durch Belastungen, die im System begründet sind, zum anderen durch das Verhalten der Ärzte sowohl gegenüber Patienten als auch gegenüber den Pflegenden.