us! Aus und vorbei! Nehmen die letzten Welten mit und ohne Apfelbäumchen denn gar kein Ende mehr? Finalfiktionen, wo man auch blättert, Flammenschriften, wohin man blickt, von den durch das Ozonloch entlüfteten Abtritten ganz zu schweigen. Und jetzt zu allem Überfluß ein Apokalypse Import aus der Neuen Welt, die doch immer so zukunftsfroh vor sich hin projektierte. Also wirklich, es ist soweit! Höchste Eisenbahn, einen dicken Schlußstrich zu ziehen unter all diese Schlußstriche.

Etwas mehr endzeitliche Langmut, bitte schön! Allem schon, um einen übereilten Schlagabtausch zu vermeiden. T. Coraghessan Boyles Roman zum Beispiel dreht sich gar nicht um den Weltuntergang, sondern um die untergegangene Welt der ersten hollandischen Siedlungen am Hudson, eine seltsam untote Vergangenheit, die zombiehaft in die Gegenwart einbricht und dort ihr Unwesen treibt. Und der scheinplakative Buchtitel bezeichnet entsprechend keine postzivilisatorische Wüstenei, sondern im Gegenteil einen besonders agilen Zustand des lebenspendenden Elements Wasser, das eben deshalb lebensgefährlich wird: "Worlds End, das Grab unzähliger Schaluppen, Dampfer und Kabinenkreuzer, wo verrottende Rundhölzer in einer Strömung knarrten, die so unvorhersehbar war wie der Wind, und wo noch niemals eine Leiche hatte geborgen werden können, ein bodenloses Loch im Fluß, der sonst selten tiefer als dreißig Meter war "

Voll von tückischen Wirbeln, Stromschnellen, Ungründen ist auch das — übrigens gediegen übersetzte — Buch, und wie ein Strudel zieht es den Leser in sich hinein. Boyle erzählt von existentiellen Schiffbriichen, menschlichem Treibholz, aber auch von denen, die wie die Van Warts schon seit vielen, vielen Generationen oben schwimmen. Und er tut es als geborener Fabulierer auf eine ungemein phantasievolle, gewitzte Art und Weise. Gewiß, so wie der Großvater des Antihelden dem Flußgeist zwei Glas Schnaps opfert, so gibt auch Boyle dem Markt, was des Marktes ist, dafür aber findet sich auf gut 500 Seiten nicht eine Sandbank der Langeweile, kein einziger versumpfter Nebenarm, in dem es nicht mehr weiterginge und statt dessen die Moral von der Geschieht Blasen wirft.

Boyle nennt sein Werk, für das er 1987 den PenFaulkner Preis erhielt, in einer Vorbemerkung eine "historische Fuge", aber vielleicht wäre der Vergleich mit dem armdicken Zopf, der dem Indianer Jeremy Mohonk bei der Einlieferung ins Zuchthaus abgeschnitten wird, noch anschaulicher. Denn so kunstvoll wie bei einem Zopf sind die Erzählstränge des Romans miteinander verflochten und verwoben.

Die Geschichte des 22jährigen Walter Van Brunt, der sich körperlich wie seelisch immer weiter verstümmelt, bis er im buchstäblichen Sinne keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt, verschlingt sich mit der durch Generationen vererbten success story der Van Warts. Den Grundstein zum Vermögen der Sippe legte der Landraub an den Indianern, und der Letzte des damals hintergangenen Stammes der Kitchawanken hintergeht 300 Jahre später den Nachfahren der Betrüger und rächt sich, indem er mit dessen Frau einen Wechselbalg zeugt.

Aber die Verstrickungen gehen nicht nur in diesem Fall bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück, als die Holländer das Hinterland des damaligen Neu Amsterdam zu besiedeln begannen. Was sich Ende der sechziger Jahre, auf dem Höhepunkt der Hippie Bewegung und nur ein paar Dutzend Meilen von Manhattan entfernt, in dem kleinstädtischen Peterskill ereignet, wirkt vielmehr im ganzen wie eine Reprise.

Dieselbe Melodie, dieselben Leitmotive, dieselbe erste Geige, dieselben Leute auf den billigen Plätzen. Im Grunde haben sich nur die Kostüme und ein paar Requisiten geändert. Der große Strudel aber, der mit Beginn der Kolonisation zu rotieren und Menschen zu verschlingen begann, hat seither nichts von seiner Kraft verloren, im Gegenteil, er ist zum Mahlstrom angewachsen. Der Autor erzeugt und steuert das Dejä vu Erlebnis des Lesers auf mannigfache, aber niemals schematisch oder konstruiert wirkende Weise. So findet etwa der Motorradunfall, mit dem sich der junge Van Brunt seine erste Prothese einhandelt, seine Entsprechung in dem Biß einer Schnappschildkröte, die einen seiner Vorfahren so schwer verletzt, daß auch sein Fuß amputiert werden muß. Und später erfährt der Leser, daß der Indianerclan, dem Mohonk angehört, eben nach diesem Tier benannt ist. Solche sich wie selbstverständlich ergebenden Vernetzungen bilden den Stoff der Literatur. Und bei Boyle ist nicht nur die Textur dicht und feingesponnen, sondern auch das eingewebte Muster und die Figurengestaltung zeugen von hohem handwerklichen Geschick.