Von Maria Huber

Der Schachspieler Garri Kasparow ist ein Mann von Welt und Währungsexperte. Er weiß, daß sein Dollar-Konto und Lebensstandard nicht wachsen können, wenn seine Leistungen im internationalen Wettbewerb nicht anerkannt werden. Viele seiner sowjetischen Landsleute halten sich hingegen schon für die Besten, ohne sich erst am Weltstandard zu messen. „Für Rußland ist das Gefühl der Einmaligkeit eines der wichtigsten Elemente des nationalen Selbstbewußtseins. Der Sozialismus in Rußland paßte bisher zu dieser Grundlage“, schrieb der armenische Weltmeister jüngst in der Zeitschrift Das 20. Jahrhundert und der Frieden.

Um so unsanfter ist das Erwachen bei dem Versuch, Ideologie und Isolation der sozialistischen Wirtschaft aufzugeben. Mit ihrer nicht frei konvertierbaren Währung kann die Sowjetunion Außenhandel und Arbeitsteilung nicht intensivieren. Die Integration in die Weltwirtschaft setzt die Konvertibilität des Rubels voraus.

In der vergangenen Woche hat die Führung nun zwei erste, spektakulär erscheinende Schritte in die Richtung des noch sehr fernen Ziels getan: Am 1. November trat ein neuer Wechselkurs für ausländische Touristen in Kraft. Sie erhalten jetzt 6,20 Rubel für einen Dollar, das Zehnfache des bisherigen offiziellen Kurses. Der spezielle Kurs für Touristen entspricht – nach dem rasanten Rubel-Verfall in den vergangenen Monaten – dem mittleren Schwarzmarktpreis. Am vergangenen Freitag konnten sowjetische Staatsbetriebe an der ersten Währungs-Auktion teilnehmen, um Dollar zu kaufen oder zu verkaufen – zu einem von Angebot und Nachfrage abhängigen Preis. Nach den schriftlichen Angeboten ergab sich ein Dollar-Preis von rund vierzehn Rubel – also mehr als das Doppelte des Touristenkurses.

Für Sowjetbürger bedeutet der neue Wechselkurs, daß sie für ihre inzwischen größere Reisefreiheit teuer zu zahlen haben. Für die zweihundert Rubel, die sie bisher maximal einwechseln dürfen, bekommen sie von der Staatsbank jetzt nur noch rund 32 Dollar, zehnmal weniger als zuvor. Bis zu zehn Rubel müssen sie für jeden zusätzlichen Dollar bezahlen, den sie sich auf dem Schwarzmarkt besorgen. Zweihundert Rubel, fast einen durchschnittlichen Monatslohn, müssen sie obendrein für den Reisepaß zahlen, den heute nicht mehr nur die zuständigen Stellen des Außenministeriums, sondern auch das Außenhandelsministerium und andere Behörden ausstellen können.

Welchen Preis sowjetische Staatsbetriebe für ein Dollar-Guthaben zu zahlen bereit sind, hängt von ihrem höchst unterschiedlichen Bedarf an Ersatzteilen und Maschinen ab. Um einen Engpaß in der Produktion zu beheben, reicht unter Umständen eine relativ kleine Dollar-Summe, weshalb die Unternehmen dann auch höchste Angebote für den Dollar machen können. Die eigentliche Überraschung der Auktion war aber, daß sowjetische Betriebe viele Dollar verkaufen wollten. Diese unerwartete Pointe ist freilich mit dem Dirigismus der Ministerien und Banken leicht zu erklären. Denn obwohl der sowjetische Außenhandel seit April dieses Jahres dezentralisiert ist, machen die staatlichen Aufsichtsbehörden den Betrieben weiterhin Vorschriften darüber, was und wann sie exportieren dürfen. Zugleich bedarf die Einfuhr einer langen Liste von Genehmigungen. Schließlich kommen importierte Güter entweder nach einer viel zu langen Wartezeit in die Betriebe – oder ohne ihr Zutun, als ein „Geschenk von oben“.

Sowjetische und westliche Wirtschaftsfachleute sind sich darin einig, daß volle Konvertibilität nur schrittweise und über Jahre hin angestrebt werden darf. Bei einem kurzfristigen Übergang zu freiem Handel müßte die bislang stark überbewertete sowjetische Währung radikal und mit fatalen sozialen Konsequenzen abgewertet werden. Die Preise für Importwaren würden astronomisch steigen, die Inflation die Ersparnisse sozial schwacher Schichten aufzehren und reiche Sowjetbürger in die Kapitalflucht treiben.