Seit 1965 kommt sie alle zwei Jahre einmal in die Schlagzeilen der Kinderbuchszene: die Biennale der Illustrationen in Bratislava, unter Insidern BIB genannt. BIB — das ist ein weltweiter Wettbewerb von Originalen der Kinderund Jugendbuchillustrationen. Er genießt weithin hohes Ansehen und hat sich auch um die Förderung der Illustrationen in Ländern der Dritten Welt verdient gemacht. Aber selbst die Superlative der BIB 1989 (2553 Bilder, 352 Illustratoren aus 48 Ländern) können nicht darüber hinwegtäuschen, daß dieser Wettbewerb in die Jahre gekommen ist, viele Fragen aufwirft und Widersprüche in sich trägt.

Was geschieht eigentlich in Bratislava? Die einzelnen Länder können bis zu zwanzig Illustratoren für die Biennale benennen. Und schon bei den Vorauswahlen schleichen sich die Probleme ein. Da schickt ein Land wie Großbritannien, das geniale Zeichner wie Ralph Steadman, Anthony Browne, Tony ROSS oder Michael Foreman hat, eine einzige unbekannte Illustratorin aus der zweiten Reihe nach Bratislava. Der Grund: Niemand scheint sich auf den Britischen Inseln ernsthaft für diesen Wettbewerb zu interessieren. Arroganz der Insulaner oder realistischer Blick der englischen Kinderbuchverleger? Und wo sind in Bratislava etwa Chris Van Allsburg oder Maurice Sendak aus den USA geblieben?

Andere Länder wie die Bundesrepublik schikken, vor allem auf Drängen der Verleger, möglichst viele Illustratoren ins Rennen. Aber auch das hat seine Tücken. Mit schöner Regelmäßigkeit benennt eine kleine Auswahlkommission renommierte Illustratoren: dieses Jahr wieder Jürgen Spohn, Irmgard Lucht und Annegert Fuchsgruber. Jürgen Spohn hat erst auf der letzten Biennale einen Preis erhalten, Irmgard Lucht wurde mit ihren Bildern zu den "Uhren" Büchern schon vor sechs Jahren ausgezeichnet — völlig zu Recht! Aber welche Jury würde noch einmal einen Preis an ganz ähnliche Bilder desselben Künstlers vergeben?

Also dem Nachwuchs eine Chance, weg mit den etablierten Illustratoren? Wenn das so einfach wäre in Bratislava! Denn auch die jungen Zeichner und Maler haben es schwer, sich in Szene zu setzen. Besonders, wenn sie vom international gängigen Illustrationsstil abweichen: dieser Mischung aus Naivität (weils ja für Kinder ist) und Phantastik (weils so schön weltfremd ist). Dieser Trend feiert in Bratislava seit jeher Erfolge. Die Grenzen zwischen den ost- und westeuropäischen Illustrationsschulen verwischen sich immer mehr und fördern immer häufiger das für jedermann verständliche Bild.

Nikolaus Heidelbach etwa, Querkopf im bundesdeutschen Bilderbuch, bleibt nun schon zum zweiten Male in Bratislava auf der Strecke, weil seine Pinocchio Bilder zu morbid, zu skurril sind. Für wen? Für eine aus zwölf Nationalitäten und unterschiedlichen Kulturkreisen zusammengesetzte Jury, die ja ihren gemeinsamen Nenner finden muß. Was liegt da näher, als sich auf die Bilder einzupendeln, die am wenigsten provozieren. Dabei fallen originelle Bildexperimente und neue Illustrationsansätze heraus.

Die Biennale braucht neue Impulse und Ideen jenseits des Hauptpreises. Die Veranstalter der BIB täten gut daran, nach 24 Jahren einige Veränderungen am Wettbewerb vorzunehmen. Fernab der etablierten Bilder, der großen Namen und der glänzenden Pokale sollte ein Nachwuchspreis ausgeschrieben werden, der innovativen Entwicklungen gilt. Viele junge Graphiker im diesjährigen Wettbewerb konnten ihr künstlerisches Potential nur schwer gegen die Phalanx der Etablierten durchsetzen. Es wäre notwendig zu zeigen, daß Illustrationen für Kinder (wie alle Formen optischer Kultur) Einflüssen und Veränderungsprozessen unterliegen. Die Sprache der Bilder ist nicht statisch, die Bildvorlieben der Kinder sind es erst recht nicht. Mit einem "Prix de Jeunesse" könnte Bratislava auch innovative Tendenzen fördern. Und hier sollten wir nachdenken, ob es sinnvoll und strategisch geschickt ist, möglichst viele Illustratoren nach Bratislava zu melden in der vagen Hoffnung, etwas vom Preissegen abzukriegen. Tatsächlich ist dieses Mal die Rechnung sogar aufgegangen: Binette Schroeder hat für ihre klugen Illustrationen zum "Froschkönig" eine Plakette erhalten. Ach ja, der Grand Prix der BIB ging nach Polen: an Marian Murawski, der schon in den siebziger Jahren auf der Biennale erfolgreich war.

Na bitte, warum etwas ändern?