Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist", schrieb Paracelsus in seinen "Defensiones" bereits vor 450 Jahren. Mit dieser Feststellung nahm der berühmte Arzt von Hohenheim die heute für die Toxikologie geltende Grundlage von Rieht- und Grenzwerten vorweg. Und dennoch habe sich dieses Basiswissen bis heute zu wenig herumgesprochen, bedauern angesehene Pharmakologen in dem von Mechthild Amberger Lahrmann und Dietrich Schmähl herausgegebenen Buch über Gifte und die Geschichte der Toxikologie.

Die Lehre von den Giften rückt heute nicht nur in der Medizin immer stärker in den Vordergrund, auch für die Lösung von Umweltproblemen sind solide toxikologische Kenntnisse unabdingbar. Aber auch über Genußgifte sollten wir mehr wissen. Denn ob Kaffee, Kakao, Tee oder Cola, Alkohol oder Nikotin — Genußgifte gehören zunehmend zum Alltag. Die rasch wachsenden Kenntnisse über gesundheitsschädigende oder krebserzeugende Stoffe verdanken wir gründlicher toxikologischer Forschung.

Früher wurde die heilende oder helfende Wirkung richtig dosierter Giftstoffe oft eher zufällig entdeckt. Mechthild Amberger Lahrmann berichtet von den Beobachtungen des englischen Gynäkologen und Geburtshelfers James Young Simpson (1811 1870). Die durch Ätherinhalation erzeugte lustige Stimmungslage ("ether frolics") regte Simpson an, das von Justus Liebig in Gießen entdeckte Chloroform einzuatmen. Er und seine Assistenten schnupperten an einer kleinen Flasche, die Chloroform enthielt. Erst wurden sie sehr lustig, und dann schliefen sie alle ein. Am nächsten Morgen hatten sie gewissermaßen im Schlafe das Chloroform als Narkosemittel entdeckt.

Die forensische Toxikologie sollte möglichst nicht vom "Kommissar Zufall" abhängen. Aber offensichtlich denken Ärzte, die Totenscheine ausstellen, bei unklarer Todesursache zu selten an Giftanschläge. Heidelberger Gerichtsmediziner haben herausgefunden, daß Vergiftungen für knapp zwanzig Prozent aller nichtnatürlichen Todesfälle verantwortlich sind. Findet die Vergiftung zunächst keine Beachtung, dann wird eine Beweisführung nach der Beerdigung schwierig, oft sogar unmöglich. So wurde im Jahr 1950 in enem Mordprozeß in Südfrankreich Marie Besnard angeklagt, zwölf Menschen mit Arsen ins Jenseits befördert zu haben. Um die Morde aufzuklaren, die sich zwischen 1927 und 1949 ereignet haben sollen, wurden alle Leichen exhumiert. Die Giftexperten konnten zwar beachtliche Mengen Arsen in den Überresten nachweisen, doch der eindeutige Beweis, daß das gefundene Arsen nicht aus der Friedhofserde oder aus den Sargnägeln stammte, gelang nicht. Daher wurde Marie Besnard schließlich freigesprochen. Erfolgreicher hingegen waren die forensischen Toxikologen in Paris. Dort konnten sie einer Krankenschwester nachweisen, zwölf Menschen mit Arsenik vergiftet zu haben. Mit seinen anschaulichen Beispielen liest sich das Kapitel über die Entwicklung der "gerichtlichen Vergiftungslehre" aus der Feder des Heidelberger Rechtsmediziners G. Schmidt fast wie ein Krimi. Aber er greift nicht nur berühmte Mordprozesse auf, sondern erklärt auch nebenbei so manche Spruchweisheit aus dem Alltag: Wenn es heißt, mit einem sei "nicht gut Kirschen essen", dann bezieht sich dies auf das in der Tollkirsche enthaltene Gift Belladonna.

Geradezu genüßlich liest sich die Geschichte der Genußgifte, die R K. Müller und O. Prokop aufrollen. Wer kann sich heute angesichts der weiten Verbreitung von Kakao (Schokolade) und Kaffee vorstellen, daß bei ihrer Einführung in Europa diese zu den tödlichen Giften gerechnet wurden? Die Zubereitung des Kakaos mit Pfeffer, Maismehl und Farnkraut in Mexiko hat den Spaniern nicht gemundet, denn sie haben es als "Getränk der Schweine" bezeichnet. Franzosen haben als erste Gefallen daran gefunden. Sie haben die Kakaobohnen gemahlen und mit Zucker ein Getränk zubereitet, das der Pariser Arzt Buchet als "Speise der Götter würdig" bejubelte. Später fanden spanische Damen ein so großes Vergnügen daran, daß es sich nach ihrer Auffassung "höchstens noch erhöhen ließe, falls eine Sünde damit verbunden sei". Im Rokoko galt die Schokolade als Aphrodisiakum. Heute wird sie wohl kaum mehr aus diesem Grunde genascht. Aber neben dem Genuß kann sie auch Verdruß bereiten: Vor allem wegen ihres hohen Nährwertes und der damit verbundenen Fettsucht kann sie zum Genußgift werden. Große Dispute gab es auch um den Kaffeegenuß. Der Hamburger S. Berendsohn Verlag hat 1845 die Streitschrift des Engländers Edward Smith verlegt, der mit seiner Parole "Kaffee ist wirklich Gift" ein "ernstes Won an alle Kaffeetrinker und Menschenfreunde" richten wollte. Mit seiner eindringlichen Warnung vor dem Kaffeegenuß blieb er keineswegs allein. Der Toxikologe H. Lewin hat 1929 noch davor gewarnt, daß mit vier Tassen starken Kaffees gefährliche Vergiftungserscheinungen möglich seien. Magenschmerzen, Übelkeit, Herzjagen und Verminderung des Geschlechtstriebs könnten die Folgen sein. Der Wirkstoff des Kaffees, das Koffein, ist, abhängig von der Dosis, ein Gift. Nach der Meinung des Pharmakologen Sträub (1938) ist es aber das "harmloseste und ungiftigste aller zentral wirkenden Pharmaka".

Völlig harmlos ist Kaffee natürlich nicht. Nach Müller und Prokop ist es aber völlig unangebracht, den Kaffee zu verteufeln. In Kaffee und Tee sind die gleichen Wirkstoffe enthalten. Bei einer durch Überdosierung bedingten Vergiftung spielen individuelle Faktoren eine erhebliche Rolle. So hat der klinische Toxikologe Siegfried Moeschlin von einem Radrennfahrer berichtet, der täglich sechs Gramm Koffein in Form gewaltiger Mengen extrem starken Kaffees zu sich nahm. Dieser Rennfahrer muß süchtig geworden sein, denn schon nach einer täglichen Dosis von 350 Milligramm soll körperliche Abhängigkeit eintreten. Das entspricht etwa fünf Tassen täglich und liegt niedriger als der Konsum vieler "Kaffeetanten".

Aber nicht nur die beiden Kapitel über forensische Medizin und Genußgifte sind lesenswert. Alle Abschnitte, etwa über Strahlentoxikologie, krebserzeugende Substanzen oder gefährliche Arbeitsstoffe sind informativ, für wissenschaftliche Texte außergewöhnlich gut und locker geschrieben und daher vorzüglich lesbar. Ein Werk, das ein großes Publikum verdient.