Kaum ein deutscher Politiker nach Bismarck hat schon unter seinen Zeitgenossen, aber auch später in der historischen Forschung so gegensätzliche Urteile provoziert wie Gustav Stresemann, Außenminister der Weimarer Republik zwischen 1923 und 1929. Die einen feierten ihn als einen überzeugten Demokraten und Vorkämpfer einer europäischen Einigung, wie sie nach 1945 verwirklicht werden sollte; die anderen verdammten ihn als wendigen Opportunisten und doppelzüngigen Machtpolitiker, der es mit seiner Verständigungspolitik gar nicht recht ernst gemeint habe. Ja, manche sehen in ihm gar den Vertreter einer unseligen Kontinuität wilhelminischen Großmachtstrebens, der den Nationalsozialisten außenpolitisch das Terrain bereitet habe.

Zweifellos haben diese extrem unterschiedlichen Wertungen etwas zu tun mit der schillernden Figur Stresemanns selbst. Auf ihn scheint in besonderem Maße zuzutreffen, was Conrad Ferdinand Meyer seinen Ulrich Hütten sagen läßt: " ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch Kurt Koszyk, der Autor dieser neuen Stresemann Biographie, wählte das geflügelte Wort zum Leitmotiv seiner Darstellung. Wie der Untertitel — "Der kaisertreue Demokrat" — signalisiert, geht es ihm nicht darum, die Widersprüche nach der einen oder anderen Richtung hin aufzulösen, sondern sie gleichsam nebeneinander koexistieren zu lassen — als Ausdruck einer zwiespältigen Persönlichkeit, die nur aus dem Werdegang und den besonderen Bedingungen seines Aufstiegs als Politiker erklärt werden kann.

Um es gleich zu sagen: Die ganz große Stresemann Biographie, die uns zu seinem sechzigsten Todestag im Oktober dieses Jahres versprochen wurde, ist dies nicht. Dazu fehlt dem Autor eine entscheidende Voraussetzung — die Kunst der Erzählung, ohne deren inspirierenden Funken historische Biographien nun einmal nicht auskommen können. Die Darstellung ist sprachlich recht schlicht gestrickt, nicht frei von phrasenhaften Wendungen und Klischees. Zudem hat der Autor sichtlich Mühe, den biographischen Stoff, aus dem er das Portrait Stresemanns formen möchte, entlang klarer Fragestellungen zu strukturieren; die Folge ist eine etwas sprunghaft assoziative Schreibweise, die ein ums andere Mal Verwirrung stiftet.

Zu bemängeln ist auch, daß Koszyk gänzlich darauf verzichtet hat, den Leser in die Probleme einer modernen Stresemann Biographie einzuführen. Seit den siebziger Jahren sind wichtige Untersuchungen gerade zur Außenpolitik in der "Ära Stresemann" erschienen — genannt sei hier nur das Standardwerk von Peter Krüger —, die das bisherige Stresemann Bild in wesentlichen Punkten erweitert und differenziert haben. Da der Autor unglücklicherweise auf alle Belege verzichtet, bleibt für nichteingeweihte Leser unklar, was er davon in seiner Biographie verwertet hat und wo er sich auf Urteile anderer stützt.

Dies ist um so bedauerlicher, als Koszyk ja nicht nur aus der bisher erschienenen wissenschaftlichen Literatur schöpft, sondern sich auch um noch unbekannte Quellen, vor allem aus dem Stresemann Nachlaß im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn, gekümmert hat. Leider merken das aber nur die Spezialisten, die die Quellenlage kennen.

Gleichwohl ist dieses Buch wichtig und empfehlenswert. Denn es hat den meisten der bisherigen Stresemann Biographien eines voraus: Während diese ihr Augenmerk fast ausschließlich auf Stresemanns Wirken in der Weimarer Republik richteten, bezieht Koszyk die vier Jahrzehnte von Stresemanns Geburt 1878 bis zum Ende des Kaiserreichs 1918 intensiv in die Betrachtung ein. Die sich darauf beziehenden Kapitel machen genau die Hälfte des Buches aus. Als erster Historiker ist Koszyk den Spuren der Vorfahren Stresemanns genauer nachgegangen. Er kann dabei manche Legende korrigieren, die von der älteren StresemannLiteratur ungeprüft übernommen wurde — so die vom radikalen Großvater Gottfried, der angeblich ein glühender Anhänger der 1848er Revolution gewesen sei, in Wirklichkeit aber — wie Koszyk nachweist — 1848 schon acht Jahre tot war. Verständnisvoll beschreibt der Autor das kleinbürgerliche familiäre Milieu, in dem der junge Stresemann aufwuchs — das enge Haus in der Köpenickerstraße 66 in der Berliner Luisenstadt, in dem der Vater einen Bierhandel betrieb. In seiner Dissertation von 1901 ("Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts") hat sich Stresemann noch einmal diesem Milieu zugewandt — was für seine Gegner Anlaß zu manch spöttischer Bemerkung war. Koszyk meint, er habe damit seinem Vater ein Denkmal setzen wollen. Vielleicht aber wollte er auch nur auf schnelle und bequeme Weise seinen Doktor machen.

Eingehend verfolgt der Autor auch die Schuljahre Stresemanns auf dem Andreas Realgymnasium, das vor allem von Kindern aus der aufstiegsorientierten unteren Mittelschicht besucht wurde. Den hier vermittelten "Tugenden" preußischer Erziehung — Kaisertreue, Vaterlandsliebe, ein von Disziplin beherrschtes Arbeitsethos — schreibt Koszyk einen prägenden Einfluß auf Stresemann zu; ihnen sei er auch über 1918 h naus treu geblieben. In gewissem Widerspruch zu der behaupteten Kontinuität der geistig politischen Entwicklung Stresemanns steht eine bemerkenswerte Entdeckung des Autors: die Tatsache aämlich, daß Stresemann bereits als siebzehnjähriger Schüler Korrespondenzberichte aus Berlin für das freisinnige Wochenblatt Dresdner Volks Zetung schrieb. Damit seine Identität verborgen blieb, hatte er sich dem verantwortlichen Redakteur gegenüber als älter ausgegeben, als er war. In diesen "Berliner Briefen" präsentierte sich Stresemann als freisinniger Beobachter der Berliner Szene, dei mit der "konservativ nationalliberalen Gesellschaft von verknöcherten Reaktionären" ins Gericht ging, gegen die Verquickung von konservativer und kirchlicher Orthodoxie wetterte und sich für den Gedanken einer fortschrittlichen Arbeiterpolitik erwärmte.