Der Ort: New York, die Zeit: heute, Ostern, in diesem Jahr zugleich auch Passah. Eine Dreizehnjährige fährt mit ihrer Familie zu den Großeltern "Ich will mich nicht erinnern", sagt sie mürrisch. Warum kann der Großvater, kann die alte Tante nicht endlich aufhören mit den Anklagen, den unpassenden Aufschreien, den immer wiederkehrenden Erzählungen von den deutschen Konzentrationslagern? Sie will einfach die eintätowierten Nummern nicht mehr sehen. Schlimme Zeiten müssen das gewesen sein, naturlich, aber das ist doch vorbei, und sie hätte viel lieber weiter mit ihrer Freundin Rosemary Ostern gefeiert.

Nun soll sie auch noch die Tür für Elias öffnen, jeder weiß doch, daß niemand kommt. Sie schließt die beiden Schlösser auf, stößt die Tür weit auf — und erblickt statt des Korridors mit den numerierten Türen ein grünes Feld, einen wolkenverhangenen Himmel.

Hannah dreht sich um. Hinter ihr steht in einer bäuerlichen Küche eine altmodisch gekleidete Frau am Kohlenherd. So beginnt Hannahs Ausflug in die Vergangenheit, in ein jüdisches Schtedtl in Polen, wo sie Chaja heißt und offensichtlich nach dem Tod ihrer Eltern zu Verwandten gekommen ist.

Sie versucht, den Traum abzuschütteln, sie weiß genau, wer sie wirklich ist, aber ohne Erfolg. Hochzeit soll bald sein, ein großer Zug begleitet den Bräutigam, dem die schöngeschmückte Braut entgegenkommt, ins nächste Dorf. Aber vor dem Brautpaar ist schon die SS eingetroffen, das Schtedtl ist leergeraumt, die Juden werden in Güterzüge verladen.

Leben in einem Konzentrationslager, Überleben von Stunde zu Stunde. Abgrundtiefe Gemeinheit und menschliches Mitgefühl. Hannah Chaja ist die Erinnerung an KZs fast abhanden gekommen. Nur als sie den Lagerkommandanten sieht, blitzt im Gedächtnis ein Photo auf "Doktor Mengele", sagt sie. Schließlich kommt die Reihe an Hannah, durch das dunkle Tor zu gehen — direkt in den Flur mit den numerierten Türen, den Korridor des Großvaters.

Man kann geteilter Meinung sein, ob das Thema "Konzentrationslager" auch anders als in rein dokumentarischen Berichten behandelt werden darf "Chaja heißt Leben" (im Englischen "The Devils Arithmetic") ist von einer Amerikanerin geschrieben, Jüdin auch sie, deren Familie schon zu Beginn des Jahrhunderts nach Amerika auswanderte. Sie kann unbelasteter dieses Thema aufgreifen, wenn auch nicht unbekümmert. Das Mädchen Hannah, dem religiösen jüdischen Leben eher gleichgültig gegenüberstehend, verhält sich wie seine deutsche Altersgenossin "Genervt" von den Erzählungen einer für sie weit zurückliegenden Zeit, die sie erst versteht, als sie diese in einer traumähnlichen Situation selber erlebt. Jetzt helfen, Argumente gegen Neonazismus und Ausländerhaß zu finden. Susanne Krebs Aus dem Amerikanischen von Hilde Linnert; Verlag Carl Ueberreuther, Wien 1989; 22