Je länger man sich in diesem Band umtut, desto mehr wundert man sich — zuerst darüber, daß bisher nur eben ein Dutzend immer derselben Zeichnungen von Garniers "Cite industrielle" bekannt waren, so daß Julius Posener im Vorwort jubelt: "endlich" liege das unvergleichliche Werk auf deutsch vor und gottlob "in einer wunderbaren Ausgabe".

Zweitens aber wundert man sich über die geradezu seherische Eingebung des damals dreißigjährigen, in Lyon geborenen, an der Ecole Nationale des BeauxArts in Paris ausgebildeten Rompreisträgers, der — gleichermaßen von der industriellen wie der sozialen Entwicklung erregt und von der römischen Baukunst überwältigt — sein italienisches Jahr darauf verwandte, eine Stadt der Zukunft zu entwerfen, vom Großen bis ins Detail, vom Stadtplan bis zum Blumentopf, nachzuerleben nun in dem Buch "Die ideale Industriestadt — Une Cife industrielle", das eingeleitet wird von Rene Jullian.

Es handelt sich um eine erstaunliche städtebauliche Studie von fast beängstigender Vollkommenheit, entstanden von 1899 bis 1904, von der Hochschule zunächst abgelehnt, dann zwar als gelungen, aber als völlig uninteressant beurteilt, angemessen publiziert erst 1917. Dabei war es ein der Zeit weit vorausgreifender, ultramoderner Entwurf, geplant für ein ideales, gleichwohl existierendes Terrain nahe Lyon. Garnier, der später Stadtbaumeister von Lyon war, hat die 35 000 Einwohner Stadt strikt funktional gegliedert, das heißt aufgeteilt — um Belästigungen zu vermeiden. Das Industriegebiet plazierte er mit Stauwerk, Hafen, Fabriken und Hüttenwerk unten am Fluß, die Heilstätten oberhalb der Stadt; die beiden ausgedehnten, höchstens vier Stockwerke hohen Wohnviertel breiten sich zu beiden Seiten der öffentlichen Bauten im Zentrum aus, deren wichtigster in diesem von sozialistischen Ideen geprägten Entwurf das Versammlungshaus der demokratischen Gemeinde mit Sälen und einem großen Turm sein sollte. Nirgendwo in den liebevoll gestalteten und gegliederten, von Gärten umflossenen Siedlungsgebieten gibt es einen Zaun, alles gehört allen. Abgesehen von einigen Stahlkonstruktionen für Industrieanlagen, hätte diese mit imponierenden, schönen, erstaunlich modernen Gebäuden versehene Idealstadt allein aus Beton errichtet werden sollen — erfunden in einer Zeit, da der Historismus gerade vom Jugendstil überwunden wurde. Garnier dachte funktionalistisch und sehr ökonomisch; doch die Pläne zeigen, wie Jullian hervorhebt, noch ein anderes Gesicht, "jenes nämlich, das den humanistischen Einschlag in seinem Denken zu erkennen gibt, die Wärme seiner Gefühle und die Großzügigkeit seiner sozialen Ideen".

Denn er habe seine Stadt ja "für eine neue, vom Sozialismus verwandelte Gesellschaft entworfen", eine, in der Polizeistationen, Gefängnisse, Kasernen überflüssig sind — und Kirchen auch. Welch ein monumentales Projekt, eine Wunderstadt der Frühmoderne! Sie hätte in etlichen Partien heute erfunden sein können. MS B Tony Garnier:

Die ideale Industriestadt (Une Cite industrielle) Mit einer Einführung von Rene Jullian und einem Vorwort von Julius Posener; Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen 1989; 196 S , Abb, 138 - DM