Von Henry Braunschweig

Namen sind Schall und Rauch, was sich hier wieder einmal besonders kraß offenbart: Îles du Salut – Inseln des Heils. Sie erhielten ihren Namen von den dankbaren Nonnen eines Klosters, die sich vor einer in Cayenne wütenden Gelbfieberepidemie auf die Inseln vor der Küste Französisch-Guayanas flüchteten und die alle überlebten. Für Generationen von straffälligen Franzosen waren sie später eher Inseln des Unheils und der Verdammnis, denn sie wurden als Ausgestoßene der Gesellschaft dorthin deportiert, ohne die geringste Hoffnung auf Rückkehr.

Durch den Kino-Welterfolg „Papillon“ sind die Îles du Salut international zu makaberer Berühmtheit gelangt. Steve McQueen spielte den Häftling Papillon, dem es nach vielen vergeblichen Versuchen gelang, von den „Teufelsinseln“ zu fliehen.

Die World Discoverer ankerte an einem Aprilmorgen eine Kabellänge vor dem Wellenbrecher der Île Royal. Für die Royal und die St. Joseph hatten wir die Besuchserlaubnis erhalten, nicht jedoch für die Wind und Wellen am ungeschütztesten ausgesetzte eigentliche „Teufelsinsel“. 92 Jahre lang, von 1854 bis 1946, war Französisch-Guayana die offizielle Strafkolonie der Grande Nation („Das größte Zuchthaus der Welt“ oder auch „Die unblutige Guillotine“ genannt). Ein Land wie Frankreich, nach eigenem Anspruch „Hort der Freiheit der ganzen Welt“ und praktisch nicht nur die Wiege der Bürger- und Menschenrechte, sondern auch der stete Verkünder von „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“, dieses Frankreich hat sich fast ein Jahrhundert lang nicht gescheut, ein sibirischen Straflagern ähnliches Instrumentarium zu unterhalten. Während wir auf das erste Schlauchboot nach drüben warten, starren wir ununterbrochen zu den Inseln hinüber. Einst gehörten das Meer hier unter uns zu den haifischverseuchtesten Gewässern der gesamten Karibik, doch nun war eine gute Stunde lang keine einzige Dreiecksflosse auszumachen. Mehr als vier Jahrzehnte nachdem man aufhörte, sie regelmäßig mit toten Deportierten zu füttern und sie statt dessen mit Hochseefischerbooten und schwerem Gerät jagt, scheinen sie sich nach anderen Tummelplätzen verzogen zu haben.

Dann nähern wir uns – ein Dutzend Leute – mit dem ersten Boot dem Hafen der Île Royal. Er liegt im Schutz eines aus riesigen Quadern zusammengefügten Wellenbrechers. Der winzige Hafen ist jedoch nur für kleine Boote bestimmt. Selbst Küstenmotorschiffe können hier nicht anlegen, was zu allen Zeiten das umständliche Ausbooten von Menschen und Material erforderlich machte. Nicht nur die Tender von Kreuzfahrtschiffen landen heute hier an, sondern auch regelmäßig von Cayenne aus verkehrende Taxis collectifs voller mehr oder weniger sensationslüsterner Ausflügler.

Früher ist hier jede der seltenen Schiffsankünfte von Scharen herumlungernder, schlecht genährter Strafgefangener und Freigelassener, barfuß, in sackartigen Baumwollanzügen, ausgefranste Strohhüte auf dem Kopf, empfangen worden. Bewacht wurden sie von stämmigen, rotgesichtigen Aufsehern in weißen Uniformen und mit Tropenhelmen auf dem Kopf, am Koppel einen großkalibrigen Revolver. Heute empfängt exotische Sommerfrische die neugierigen Touristen.

Ile Royal, die Hauptinsel, war auch für jeden auf die Îles du Salut verbrachten Häftling die Anlaufstation. Doch die Inseln waren nicht die gesamten Strafeinrichtungen der Kolonie. Französisch-Guayana war ein Territorium solch mörderischen Klimas und unvorstellbarer Fieberverseuchung, daß es nicht gelang, normalen französischen Bürgern in größerer Anzahl eine Ansiedlung schmackhaft zu machen.