Die ZEIT-Umfrage, siebente Folge

Kurt Lenk: Ohne Feindbild

Der als totalitärer Ostblock eingestufte „real existierende Sozialismus“ ist längst schon zu einem vielstimmigen, national, politisch und kulturell pluralen Gebilde geworden, das einer differenzierteren Beurteilung bedarf, als der Singular „Sozialismus“ sie erlaubt. Weder helfen Schwarzweißbilder noch eine vorschnell eifernde Rhetorik, die in unseren östlichen Nachbarn reumütige Schüler Ludwig Erhards sehen möchte, so als sei plötzlich Sankt Marx Sankt Markt gewichen.

Den Reformbewegungen in Ungarn, Polen, der Sowjetunion und anderswo geht es zunächst einmal darum, Mittel und Wege zu finden, „das System der Politökonomie unter menschliche Kontrolle zu bringen“, das heißt letztlich um „eine politische Reformation des Sozialismus“ (Rolf Henrich).

Nicht das Ende des Sozialismus ist angesagt, sondern das Ende einer erstarrten Staats- und Planungsbürokratie, die sich der marxistisch-leninistischen Theorie zu bedienen wußte, um ihre gerontokratische Herrschaft abzusichern. Brüchig geworden ist die Legitimation, die deren dogmatische Weltanschauung für die trostlosen Verhältnisse leisten sollte. Tot ist der Marxismus-Leninismus als ein heruntergekommenes Herrschaftsinstrument, als staatsoffiziell verabreichter Kitt für die „Rechtsgläubigen“. Lebendig geblieben ist jene kritische Funktion des Marxschen Denkens, die in allen Dissidenten- und Reformbewegungen weiterwirkt.

Es sollte zu denken geben, daß in den Systemen des „real existierenden Sozialismus“ in erster Linie stets intellektuelle Häretiker verfolgt wurden, deren genuin marxistisches Denken den Gralshütern des Dogmas ein Dorn im Auge war. Erinnerten die „Abweichler“ doch an uneingelöste und darum verdrängte Versprechen, so wie dies im Prager Frühling 1968 geschah.

Was in den Schriften der Kritiker des Poststalinismus vorgetragen wurde, ist mittlerweile zur Sache innerparteilicher Reformen selbst geworden. Für die DDR-Führung ergibt sich hieraus eine besonders prekäre Lage: Scheint es doch, als käme jene vom Apparat in Gehorsam und Anpassung verdrängte Kritik und Selbstkritik, der man mit polizeistaatlich-administrativen Mitteln zu entgehen hoffte, in der Form eines „Neuen Denkens“, nunmehr „salonfähig“ geworden, hinterrücks wieder.