Wenn in gewissen Jazzkreisen eine Frau sagt: "Mein Mann ist Dixieland Musiker", dann hätte sie genausogut sagen können: "Mein Harry arbeitet bei der Müllabfuhr Dixieland ist sozusagen der Paria in der Gesellschaft des Jazz. Die Verachtung, die man den angeblich "Unberührbaren" entgegenbringt, ist ungerecht und beruht auf einem Mißverständnis. Die Hochmütigen haben im Dixieland einen Prügelknaben gefunden, mit dem sie sich selbst erhöhen, indem sie eine bestimmte Improvisationsweise des Jazz als primitiv diskriminieren. Natürlich gibt es in diesem Bereich — also im manchmal "bayrisch" klingenden Miteinander von Trompete, Klarinette, Posaune, Klavier, Bass und Schlagzeug — Verirrungen.

Die NDR Talkshow bietet dafür grandioses Anschauungsmaterial. Auch die Herkunft des Dixieland ist sozusagen unmöglich. Dieser Klang kommt aus den Bordellen des amerikanischen Südens. Wenn Miss Ray Owens anno dazumal in New Orleans mit Anzeigen für ihre prächtigen Damen Mildred Andersen, Georgie Cummings, Madeline St. Clair, Sadie Lushter und Gladys Wallace warb, dann wußte die hochverehrte Kundschaft auch, daß für erregende Musik gesorgt war. Für Dixieland, wenn man den großzügig als einen Bastard des New Orleans Stils verstehen will.

Von diesem Puff Odeur ist im Dixieland von heute nichts übriggeblieben. Wer sich heutzutage in "Michaels Pub" von New York begibt, trifft dort auf eine elegante Nachtwelt, Huren Pretiosen Inbegriffen. Und im Hintergrund spielt eine Dixieland Band. Verfeinerte Kollektiv Improvisationen über Broadway Songs. Lässige Beiläufigkeit des Musizierens. Und manchmal sitzt da die traurigste Langnase der Stadt und spielt auf der Klarinette: Woody Allen. Und der mischt sich bestimmt nicht unter irgendwelche jazzenden Steinzeit Horden. Der moderne Dixieland ist fast intellektuell, ein Spiel unter Eingeweihten, die Stücke wie Gershwins "But not for me" im Schlaf murmeln. Er ist aufgeklärt konservativ, und das Wohltuende an dieser Art Jazz ist, daß er so unprätentiös daherkommt. Da krampft keiner Kunst und gerade das Lockere gebiert das Amüsante, ohne ordinär zu sein.

Von dieser Art ist der Dixieland, den der blinde Pianist George Shearing jüngst mit seinen Dixie Six veröffentlicht hat. Das wirkt in der Szene etwa so überraschend, wie der Entschluß von Horowitz, Chopin auf der Mundharmonika zu spielen. Shearing war berühmt geworden durch seinen Sammet Sound aus Klavier, Vibraphon, Gitarre, Baß, Schlagzeug. Als Komponist von "Lullaby of Birdland" verdiente er sich eine goldene Nase. Shearing war Spezialist für den Combo Jazz, der, raffiniert und gleichzeitig nachträllerbar, das Ghetto der Fans hinter sich ließ. George Shearings LP "In Dixieland" steht in dieser Tradition. Eine Musik, die, Vorsicht, Vorsicht, kaum das Wort Jazz verdient, so glatt geht sie runter. Jazz for Und irgendwie unfreiwillig komisch ist diese Musik, denn sie spielen auch etwas von Thelonious Monk, den Blues "Blue Monk". Das wirkt nun doch etwas Operettenhaft, so als wollten sie uns sagen: "Seht Ihr, der moderne Jazz ist gar nicht so schlimm, wie man sagt und wie wir ihn spielen Und wenn das Septett auch noch den 54 Takt Dauerbrenner "Take Five" anstimmt, dann denkt man: Diese reinen Kinderseelen, so unverdorben. Dabei sind die Sieben ausgepichte Studiomusiker, die genau wissen, daß Jazz eigentlich unverkäuflich ist, wenn man ihn nicht verpackt. Cola Jazz, Jazz Jux zum Vorbeihören ist dieses Shearing Opus. Keine Schande. Es muß auch Dinge ohne Tiefsinn geben.

Auch eine andere Schallplatte beherzigt diese Maxime: "Listen here!" des Pianisten Gene Harris mit seinem Quartett. Eigentlich müßte diese LP "Feel me" heißen, weil sie sozusagen von Bäuchen für Bäuche ist. Ray Brown, der Bassist, der schon bei Oscar Peterson für den tiefkörperlichen Bums sorgte, ist auch hier der unterschwellige Vorantreiber. Diese Platte ist etwas fürs Feiern. Sie geht nicht auf die Nerven, erfordert keine Habachthaltung, und nach dem zehnten Glas ahnt man etwas von der Schwarzen Seele dieser Klänge.

Das glatte Gegenteil davon ist das, was der Gitarrist Jim Hall, ein weißer Amerikaner, im Mai 1989 mit seinem Quartett aufgenommen hat. Hall war schon immer ein viel zu wenig beachteter Musiker. Er ist einfach nicht großmäulig genug. Und überhaupt, wo war er die ganze Zeit? Es gibt Leute, die behaupten, sie hätten ihn bei der Heilsarmee klampfen gesehen. Jim Hall, so ein FastHeiliger. Seine Platte bestätigt das Unauffällige, aber auch Gediegene seiner musikalischen Existenz. Solide Gitarrenmusik, die, jetzt toben die Eiferer, sogar Unterhaltung zuläßt. Wenn eine gewisse Radiomoderatoren Generation nicht so zugenagelt wäre, hätte man hier den Hintergrundsound par excellence, dessen man sich nicht zu schämen brauchte. Diese Haü Platte wäre vielleicht so anzukündigen: "Drifting and dreaming Worten: Gebrauchsjazz. Praktisch wie ein gut funktionierendes Auto. Gute Fahrt!

Und irgendwie kann man Benny Goodman als Zeugen anrufen für diese drei Platten. Er hat über die Aufnahme seiner Musik beim Publikum gesagt: "They just like it Muß auch mal sein. Man muß nicht immer Plutarch für die Sache des Jazz bemühen.