Den historischen Augenblick erkennt man daran, daß man ihn nicht erkennt. Zwar haben wir die größte Demonstration, die es jemals in Deutschland gab, im Fernsehen betrachtet, haben Reden gehört, die uns den Atem verschlugen, und wußten, daß da irgendeine und irgendwie deutsche Revolution stattfindet, aber weit sind wir davon entfernt, diesen Augenblick wirklich zu erkennen, also zu verstehen. Wir sind sprachlos.

Nicht sprachlos (als einzige Ausnahme) ist jene Möbelfirma, die in Hamburger Zeitungen eine Anzeige veröffentlicht, auf der man einen Trabi mit Dachgepäckträger und festgezurrtem Sofa sieht, als kämen da Flüchtlinge mit Sack und Pack. Es handelt sich um das Schlafsofa „Multy“, das die Firma mit dem Slogan „Grenzenlos gut“ zum „Aktionspreis“ anbietet: sozusagen eine gebende und zugleich kassierende Hand den Brüdern und Schwestern entgegenstreckend, damit sie gleich wissen, was die Nächstenliebe im Sonderangebot bei uns kostet.

Ansonsten herrscht jene Stummheit, die sich in sinnlosen Sätzen äußert. Politiker fordern, die Mauer niederzureißen, und scheinen sich nicht darüber im klaren, daß diese jahrzehntealte Floskel aus dem Kalten Krieg jetzt, da sie erstmals keine Floskel mehr ist, zur realen Bedrohung werden könnte. Kämen die Hunderttausende, die auf dem Alexanderplatz demonstrierten, durch das Brandenburger Tor marschiert, dann nützte auch jenes Schlafsofa nichts mehr.

Andere Politiker reden immer noch von Wiedervereinigung und ignorieren, daß erstens der Begriff eine Wiederherstellung des alten Zustandes suggeriert, der nicht wiederherstellbar ist; und daß zweitens unter all den Forderungen, die in Dresden, Leipzig und sonstwo laut wurden, die nach Wiedervereinigung fehlte, weil jene, die sie wollen, auf unseren Campingplätzen hausen.

Die Vorstellung, Politiker machten Politik, wird täglich widerlegt. Sie fuchteln mit Phrasen. Das sind wir gewohnt, aber plötzlich fällt es auf. Den historischen Augenblick erkennt man daran, daß die Ereignisse schneller sind als die schnellsten Wörter und Sätze. Plötzlich ist das Vokabular hoffnungslos veraltet. „Wo ist die Moral, wo sind die Manschetten? Die Kategorien sind in der schändlichsten Verwirrung, mein ganzes System ist ruiniert“, sagt Büchners König Peter.

Ruiniert ist ja nicht nur der real existierende Sozialismus. Ruiniert ist die gesamte politische und intellektuelle Systematik der letzten vierzig Jahre. Links zu sein hieß, antikapitalistisch und gegen die Wiedervereinigung zu sein. Rechts zu sein hieß, Kerzen ins Fenster zu stellen und kommunistische Postbeamte zu jagen. Plötzlich heben die Rechten beschwörend die Hände und wünschen den Brüdern und Schwestern viel Glück beim Aufbau der Demokratie in ihrem Land. Linke linksrheinischer Herkunft fürchten plötzlich die Wiederkehr Preußens und hedonistisch gestimmte Liberale das asketisch leuchtende Antlitz einer Bärbel Bohley.

Die Mauer wankt, und mit ihr wanken die Begriffe. Die Intellektuellen im Osten, die grauen Heroen des Durchhaltens wie Christa Wolf oder der Anpassung wie Hermann Kant, werden nicht mehr gebraucht. Die Intellektuellen im Westen stehen starr und stumm und suchen die Manschetten. Und alle Intellektuellen, hüben wie drüben, sehen mit schreckensweit geöffneten Augen: In Deutschland findet eine Revolution statt, und sie können sagen, sie sind nicht dabeigewesen.