Von Harry Pross

Seitdem die Grünen aller Schattierungen des Lebens goldenen Baum, der in Fausts Studierzimmer bekanntlich grün ist, ins Grau der Theorie verpflanzt haben, ist er großartig gewachsen. Das hat Folgen. Männiglich will Theorie haben. In Küche, Kammer und Keller, in Kirchen, Kindergärten und Kunstsalons blüht Theorie auf, und wenn es auch oft nur Topfpflanzen sind, die rasch wieder welken, so erfüllen sie doch den Zweck beschaulicher Betrachtung, dem vordem der stachlige Kaktus und die milde Zimmerlinde dienten. Ein bißchen Sauerstoff kann nicht schaden, und das befriedigende Gefühl des Kultivierens gibt es umsonst.

Da ist es denn nicht verwunderlich, daß Rowohlts Literaturmagazin (Nr. 24) nach der „Renaissance der Theorie?“ fragt und ein dickes Fragezeichen in den Titel setzt. „Literatur und Ästhetik“ ist der erste Block überschrieben. Er beginnt mit einem Kryptogramm von Wilhelm Genazino: „Langsam abfließendes Wasser“. Ein Kryptogramm ist ein Text mit geheimer Nebenbedeutung, zum Beispiel kann es so verfertigt sein, daß die Anfangsbuchstaben, hintereinander gelesen, einen Spruch ergeben. Da Genazinos Kryptogramm über vierzehn Seiten sich erstreckt, beschränke ich mich auf einen kryptischen Satz: „Das Banale ist das Unaufräumbare.“

Der nachfolgende Essay kommt dem unverhohlen politischen Informationsbedürfnis dieser Zeitschriftenübersicht schon näher: „Ästhetik und öffentliche Anästhesie“. Gerhard Köpf findet, daß die jüngsten Schriftsteller gar nicht erst eingestiegen seien in die Probleme der 47er-Generation auch, weil das „Verwerterkartell“ den Freiraum schon besetzt habe, in dem der Diskurs über die poetologischen, ästhetischen und moralischen Konditionen zu führen wäre. Hat also der Schriftsteller als „Republikaner vor der Republik“ (Jean Paul) ausgedient? Yvonne Spielmann im selben Heft behauptet, daß die „scheintote“ Avantgarde sich heute vorrangig als ästhetisches Phänomen konstituiere. Damit wäre kryptographisch ein politischer Anspruch derjenigen Poesie angemeldet, die sich auf der Grenzlinie zur Poetologie bewegt: der Poetikprofessor als Lehrer der Nation? Davon können die Politologen nur träumen ...

In dieselbe Richtung geht das Doppelheft September/Oktober des Merkur. Es ist nichts Geringerem als dem „Erhabenen“ gewidmet. Herausgeber Karl Heinz Bohrer hat die Diskussion des Begriffes, der das „über alles Profane Erhobene“ bezeichnen soll, aus Paris mitgebracht. Er sagt mit Recht, daß man ihn hierzulande nicht mit der Unbefangenheit diskutieren kann wie in Frankreich. „Über alles“ zu denken ist nicht einmal in der Theorie richtig, wie soll es für die Praxis taugen?

So kommt die Einleitung denn auch nicht darum herum, den Heidegger von 1942 zu zitieren, der Amerikanismus und Bolschewismus als Zerstörer der „Anfänge“ gleichsetzte, wohl die geschmackloseste Liebedienerei der herrschenden Nazipropaganda, weil sie sich auf Hölderlin berief. Das „Erhobene“ ist bildlich das Obere, das Hochgehobene in einer Werthierarchie; aber das bedeutet nicht, daß es in einer anderen Hierarchie der Werte nicht das Niedrigste sein kann. Ich erinnere mich sehr gut, wie die Kunde vom Freiburger „Erhabenen“ im russischen Schlamm zu Geschwätz zerrann.

Das Merkur-Heft hat für mich deshalb auch seine Höhepunkte in den Beiträgen von Claus E. Barsch über den Nationalsozialismus und Dolf Oehler über den Kitsch, die an der „Sprache des Erhabenen“ festmachen; aber zum Komplex über „Das Bild des Erhabenen“ wesentlich beitragen. Politik ist schließlich von Anfang an symbolisch und deshalb ästhetisch nicht neutral. „Pathosgeschichte der Revolution“ (Aglaia Hartig), „Bilder des Erhabenen“ (Monika Steinhauser), „Trauerkunst“ (Gert Mattenklott). Dieter Bartezkos Essay über „Faschismus und Postmoderne“ könnte als Schlußwort gelten, wenn man endlich aufhören wollte, die Topfpflanze „Postmoderne“ weiter zu begießen. Vielleicht hat Genazino recht: „Das Banale ist das Unaufräumbare.“