Von Mürra Zabel

Sechs Stunden dauert der Flug in einer überfüllten Maschine von Moskau nach Irkutsk. Ausreichend Zeit, um im Geiste die vermeintlichen Fakten zu ordnen, welche im Westen über den ostsibirischen Baikalsee bekannt wurden. Da sind vor allem sporadische Negativschlagzeilen, deren jüngste die Baikalrobbe und den Wasserzustand betreffen. So zitierte unlängst der Spiegel holländische Forscher, die als Ursprung des europäischen Robbensterbens die Baikalrobbe ausgemacht haben wollen. Das Umweltmagazin Natur beklagte in einer eindrucksvollen Reportage zerstörte Wälder sowie den schlechten Wasserzustand und schien damit die schweren Umweltsünden zu bestätigen, die ein sowjetischer Wissenschaftler schon 1979 unter dem Titel „Das große Sterben am Baikalsee“ im Westen angeprangert hat. Einprägsam waren auch von der BBC gefilmte Bilder der zerstörerischen Wirkung von Zellulose-Kombinaten am südlichen Teil des Sees. Der berühmte Baikal – auch er an der Schwelle zum Umkippen?

Der erste Eindruck im Dörfchen Listwjanka am Südufer scheint nichts von dem zu bestätigen. Herbstlich gefärbte Mischwälder ziehen sich die hügeligen Ufer hinauf. Die Stille wird nur von gelegentlichem Auto- und Motorbootlärm unterbrochen. Kühe und Ziegen grasen am Straßenrand, zwingen Fußgänger und Autofahrer zur Aufmerksamkeit. Der flirrende Seespiegel scheint sich im nachmittäglichen Dunst aufzulösen. Eine wohltuende Umgebung, nicht nur für uns Westeuropäer. 400 000 Touristen kommen alljährlich an den See. Viele campieren wild in der Taiga und werden zu einer wachsenden Bedrohung für das empfindliche Gleichgewicht der sibirischen Natur.

Der Baikal ist in vielfacher Hinsicht ein See der Superlative. Mehrere hundert Zuflüsse speisen das 636 Kilometer lange und bis zu 79 Kilometer breite Baikalbecken; die Fläche des Sees entspricht jener von ganz Baden-Württemberg. Den einzigen Abfluß bildet die Angara am Südende. Mit 1700 Metern ist er der tiefste See der Erde und enthält etwa 20 Prozent aller Trinkwasservorkommen. Sein Inhalt würde ausreichen, die gesamte Menschheit fünfzig Jahre lang mit sauberem Wasser zu versorgen.

Für die Einheimischen ist der Baikal das „Auge Sibiriens“, weil sein Wasser (noch) kristallklar ist und einen Blick bis in vierzig Meter Tiefe erlaubt. Für die Reinheit des Wassers sorgt der Kleinkrebs Epischura. Binnen kürzester Zeit baut er alle organischen Stoffe ab und ist dabei so effizient, daß die Fischer ihre Netze rasch einholen müssen, wollen sie noch etwas von den Fängen haben. Epischura gehört zur altertümlichen und überwiegend endemischen Tierwelt des Baikal: Von den 2000 bekannten Arten kommen drei Viertel nur hier vor, so allein 240 Flohkrebsarten, der lachsartige Omul, ein ausgezeichneter Speisefisch, und die im Süßwasser lebende Baikalrobbe.

Der Baikalsee gilt gleichermaßen als einer der besterforschten wie rätselhaftesten Seen der Welt. Schon seit etwa 200 Jahren ist er Gegenstand mehr oder minder intensiver Forschung. Westliche Wissenschaftler haben bisher jedoch kaum Zugang zu jenem meist auf Russisch abgefaßten „Schatz von Daten“ (ein sowjetischer Experte).

Wie interessant der tiefste Binnensee der Welt für westliche Forscher indes sein kann, erklärt uns Professor How Kin Wong vom Hamburger Institut für Biochemie und Meereschemie. Er ist gerade von einer dreiwöchigen Forschungsreise im südlichen Baikalbecken nach Listwjanka zurückgekehrt. Zusammen mit den Geologen Viktor Maz und Vadim Nikolajew ging es ihm um die Erforschung des Seebodens und um Aufschluß über die Dehnung des Baikalbeckens. Die tiefste Grabensenke der Erde vergrößert sich jährlich um einige Millimeter. Die Verschiebung erfolge hier „in vertikaler Richtung“, so Wong, anders etwa als beim kalifornischen San Andreas-Graben.