Tief besorgt schreibe ich Ihnen über die Grenze hinweg. Geliebter Schutzwall – der glücklich trennt, was friedlich nicht zu vereinen ist. Jahrelang glaubte ich, verehrter Herr Löwenthal, Ihr Rücktritt aus der monopolkapitalistisch verfälschten TV-Öffentlichkeit der sogenannten „BRD“ sei ein Reflex der guten, alten krisenhaften Umwälzungen im Überbau. Heute bin ich fest davon überzeugt, daß Ihr Schicksal – abgeschaltet, abgesetzt – mit meinem unübersehbare Gemeinsamkeiten hat. Wir beide sind unschuldige Opfer einer verschwiemelten Verschwörung unbedarfter Harmonie-Sehnsüchtler. Nein, werte Intendanten, der Kampf geht weiter! Freilich, wenn der Mensch, ob edler Realsozialist oder seufzender Spätkapitalist, verlernt, zwischen falsch und richtig zu unterscheiden, dann liegt es an uns wenigen, an Ihnen und mir, die mit dem feudalen Gemütlichkeitsbegriff „Toleranz“ nie etwas anzufangen wußten, alte Klarheit zu schaffen. Nieder mit den Kerzenhaltern und Perestrojka-Säuslern! In diesen dumpfen Tagen, da im Kreml schon um 17.30 Uhr das Licht ausgeht (Stalin schlief nie!), erlaube ich mir eine Bitte. Helfen Sie bei der kollegialen Rekonstruktion jener Epoche, da Sie und ich die Sprecher genau definierter Feindschaften sein durften. Seien Sie wieder mein Klassenfeind. Und grüßen Sie Professor Nolte!

Ihr treuer Schnitzler.

Lieber Schnitzler,

auf das „von“ wollten Sie doch verzichten. Da jammern Sie nun über Ihre Abschaltquote. Soll ich Mitleid haben? Daß ich nicht lache! Und ich lachte nie! Warum gehen Sie nicht nach drüben?! Daß aus dem angestammten Nullum Ihres kommunistischen Ideologiezentrums die längst überholte Frage Lenins „Was tun?“ ausgerechnet auf meinem Palisander-Schreibtisch landet, erfüllt mich allerdings mit Stolz. Zuerst einmal empfehle ich Ihnen und Ihren letzten Freunden im Politbüro (Sie haben doch noch welche?), die Kerzenproduktion entschieden einzuschränken. Wie das geht, weiß man doch im ZK: Man beschließt die Erhöhung! Dieses liebliche Herumgekokele unserer wilden Landsleute auf offener Straße ist in der Tat eine Manifestation sozialdemokratischer Gefühlsduseligkeit. Wir kennen das von Kirchentagen bei uns. Man muß den Kerzenfreunden nur ins Gesicht schauen. Dumme Abwiegler, niederes Freiheitsgesindel. Nun, was kümmert ’s mich? Worauf es ankommt, sehr geehrter Herr, das ist doch Ihr Untergang. Ich habe ihn immer prophezeit. Jammern Sie nicht. Gehen Sie unter!

Mit kühlem Gruß Ihr Löwenthal

Sehr geehrter Herr Löwenthal, lieber Freund, natürlich schätze ich Ihre Sottisen. Die Wahrheit ist immer kraß, die Lüge krasser, die Dummheit am krassesten. Bei zweiter Lektüre Ihres Briefes ist mir schließlich eingefallen, wer die wahre Krise in unserem Staat verursacht hat: Es waren, werter Herr, natürlich Sie – mit einem Ihrer übelsten Schachzüge. Ihr tückischer Rücktritt im ZDF hat unseren armen, zur Zeit flüchtigen Landsleuten das falsche Bild des Klassenfeindes vermittelt. Ihre verlogene Pensionierung spiegelte unseren Genossen eine ideologische Schwächeperiode des kapitalistischen Ausbeutungssystems vor. Rosiger schien den „Zufluchtsuchenden“ – oh, ihr deutschen Trottel! – ein Land, dem die wahre Zunge seiner profitneurotischen Boshaftigkeit, eben Sie, alter Löwenthal, verdorrte. In einem Wort, guter Mann, nehmen Sie Ihre unselige Arbeit wieder auf, und die ideologischen Verwirrungen in Ost und West haben ein Ende. Gehen Sie auf Sendung! Bis dann: Freundschaft! Ihr Schnitzler

Lieber Schnitzler,