as Photo auf dem Umschlag des neuen Buches von Undine Gruenter zeigt eine Szene in Paris: eine stille Straße, vielleicht am Ufer der Seine, links eine Kaimauer, auf der Laternen stehen, rechts einige alte Häuser. Es ist Herbst. Blätter liegen auf dem Pflaster, die Bäume sind schon fast entlaubt, und in der Mitte, dort wo die Straße nach rechts biegt, fällt das weiche Licht einer späten Sonne auf das Bild. Der Mann im Vordergrund, ein Mann mit Hut, geht auf das Licht zu. Die Frau, die ihm, ein gutes Stück noch entfernt, entgegengeht, kommt aus dem Licht. Mag sein, daß die beiden verabredet find. Mag sein, daß es jener Mann ist, den die Frau schon lange sucht und der von ihr nichts veiß. Mag sein, daß die beiden einander fremd sind, daß eine dritte Person, die Autorin vielleicht, unter den Gardinen an einem der Fenster steht und zuschaut.

Es gebe, heißt es in der Erzählung "Nachtblind", zwei Arten von Schriftstellern. Der eine müsse illes vorher selber erleben.

Der andere sei der InkognitoTyp "Er ist der absolute Beobachter. Er zehrt von den Geschichten der anderen "

Das Photo auf dem Umschlag ist gut gewählt. Es ist schwarzweiß, wirkt ein wenig titmodisch, wie die Hutkrempe des Mannes. Es ist ein 3ild der Ruhe. Alles ist möglich, aber nichts muß passieren. Altmodisch sind die Erlählungen Undine Gruenters, weil sie von der Liebe handeln in einer Weise, die wir kaum noch kennen. Das Ziel dieser Liebe ist nicht die Zrfüllung und nicht die Befriedigung. Dem Geist, der diese Prosa beherrscht, ist "erfüllte Liebe" ein Widerspruch. Es ist der Geist der Romantik und des Existentialismus, der auf das Unbedingte zielt. "Ein Bild der Unruhe" hieß das erste Buch von "Jndine Gruenter. Der Roman spielt in einem winterlichen, nächtlichen, frostklirrenden Paris. Sin Mann und eine Frau in heftiger Bewegung, tuf der Flucht voreinander, auf der Flucht ineinmder, verstrickt in erotische Phantasmagorien und sexuelle Exzesse, getrieben von einer unerfüllbaren Begierde, die ihre atemlosen Höhepunkte auf düsteren, von Todesbildern umstellten Schauplätzen tindet, auf Straßen, in der Metro, in schäbigen iotelzimmern.

Geschrieben war diese Geschichte, die an französische Vorbilder erinnert, vielleicht an Bataille, aelleicht an Celine, aus der Sicht eines Mannes, eines von seinen Männerphantasien gehetzten Voyeurs und Flaneurs. Sie zeigt die Virtuosität einer Autorin, der es nicht auf eine naturalistische Reproduktion ankam, sondern auf die artifizielle Erprobung eines literarischen Verhältnisses zur Wirklichkeit. Es ging um ein Spiel mit Bildern, Gefühlen, Imaginationen.

Dieses Spiel setzt Undine Gruenter mit ihren neuen Erzählungen fort. Und wieder wechselt sie nach Belieben die Erzählperspektive, als wäre ihr Jas männliche Empfinden ebenso vertraut wie das weibliche. Ihr Thema ist die Liebe als Sehnsucht. Die Sehnsucht muß alles tun, um die Erfüllung zu verhindern, nur dann bleibt sie Sehnsucht. Die Texte des Bandes beschreiben verschiedene Strategien zur Vermeidung des Glücks, wenn man unter Glück jenen Status quo versteht, bei dem alle Wünsche erfüllt sind.

Der ältere Mann, ein Altphilologe, der mit seiler Schwester zusammenlebt, hat eine Nachhilfetchülerin, in die er sich verliebt. Durch einen kleilen Kunstgriff der Autorin erfahren wir erst nach einer Weile, daß das Mädchen vierzehn Jahre alt st. Der Erzähler, jener seriöse, introvertierte Wissenschaftler, hatte in uns einen anderen Eindruck erweckt. Jetzt sehen wir die Hoffnungslosigkeit seines Falles. Er selber jedoch findet ihn nicht loffnungslos, da er eine grobe Erfüllung seiner Liebe gar nicht will. Er erinnert sich an eine Afare mit der Frau eines Freundes. Stumm hatte er ae umworben "Ich hatte manche schlaflose Nacht verbracht Insgeheim wertete ich diese Nächte als eine Art Liebesdienst, und es erfüllte nich mit umso größerer Innigkeit, als ich wußte, daß sie nie davon erfahren würde Als sie jedoch seine Liebe spürt und zu erwidern bereit ist, da geschieht es: "Mein Blick fiel plötzlich auf ihre nackten, dunkelviolett gemalten Zehen und rettete mich "