Die Neigung zum Absurden öffne den Menschen das geheimnisvolle Königreich der Kinder, sagte Breton. Schillernd schönste Hauptfigur in diesem Königreich Absurdien ist Carrolls Alice geblieben. Ihrem Erfinder, Reverend Charles Lutwidge Dodgson, Mathematiklehrer, Linkshänder, Stotterer und Bestsellerautor, erging es ähnlich wie dem verrückten Hutmacher in seiner weltberühmten Geschichte: Die Zeit blieb für ihn stehen. Das hat in einem scharfsinnigen kleinen Aufsatz Klaus Reichert angemerkt. Carroll habe sein ganzes Leben lang geradezu zwanghaft ein Stück Kindheit wiederholt.

Kaum ein Literat von Rang, der nicht seine höchst private Interpretation von Alice abgegeben hätte. Hommagen gibt es also genug, wir wollen nach keiner neuen fahnden, sondern eine alte zitieren. Sie kommt aus der Feder eines großen Zeichners, Horst Janssen: "Mein Patron ist Lewis Carroll "Wie meisterlich hat er seinen Wahn verkleidet: Die perfekte Autarkie, die Freiheit von allen physikalischen Konventionen, die wir Gesetze nennen, diese saubere Aristokratie steckt er in die Kledage des Erleidens, der Passion: ALLES GESCHIEHT Mlf ALICE - Alice ist Opfer total. Da sie aber ihre Passion nach einem ersten Erschrecken gleich in heiterste, neugierige Lust verwandelt, in reines Lustvergnügen am Ihrgeschehen, in Euphorie des Erfahrens, ist sie die grandiose Vertauschung = sie siegt als Opfer. Mein junger Freund. Fühlen Sie das Fantastische am Fantastischen: Es kann der Alice nichts passieren, weil alles mit ihr passiert. Sie hat keine Chance, sich nach Überwindung der Fallgesetze aus solcher Erhebung zu einer Institution zu machen — sich etwa als das Erhobene in Person zu fühlen, weil: im selben Moment schon verabschiedet sich bei Alice die Zeit und der Pfannkuchen in ihrem Magen souffliert ihr, was das Köpfchen sagen wollte, als es schlief. Es ist der Genuß. Es ist die flüchtende Lust und nicht der statische Wille! — Die Lust am Fallen macht das Fallen statisch und der statische Fall ängstigt nicht — Puppensouveränität!"

Große Illustratoren der Vergangenheit und Gegenwart haben Alice und das bizarre Wunderland, in das sie gerät, gezeichnet, gestochen, radiert, gemalt. Der jüngste Versuch stammt von einem der besten und bekanntesten Kinderbuchgraphiker Englands: Anthony Browne. Er hat für die Leser der ZEIT erläutert und beschrieben, warum er gerade Alice illustriert hat "Julia MacRae wollte, daß ich ein Buch für sie illustriere. Mal keins von diesen konventionellen 32 Seiten Bilderbüchern. Sie schlug mir Pinocchio vor, Peter Pan und Märchen natürlich. Aber für mich gab es nur eine Erzählung: Alice im Wunderland. Ich weiß: Es ist genau das Buch, bei dem ich mich als Illustrator am heftigsten angreifbar mache. Ich habe aber so unglaubliches Vergnügen mit dieser Arbeit gehabt, daß es schon allein deshalb richtig war. Am meisten hat mich die Verknüpfung von Traum und meinem Interesse am Surrealismus gereizt. Tenniel hat ja sehr eng mit Carroll zusammenarbeiten können. Sozusagen unter ganz direktem Einfluß. Ich wiederum habe den unschätzbaren Vorteil, mit Farben arbeiten zu können. Die hatte Tenniel nicht. Und Sie wissen ja: Die meisten Menschen träumen nun mal in Farben! Einige meiner Bilder haben sehr private Bezüge. Die meisten allerdings sind ganz logische Entwicklungen aus Carrolls Text. Seine entscheidende Bedeutung bezieht er aus dem Unterbewußtsein, dem Traum. Das ist die Struktur des Buches. Und davon habe ich mich tragen lassen "

Anthony Browne hat zunächst eine Alice der achtziger Jahre, eine modernisierte Alice malen wollen, aber er begriff rasch, daß die Erzählung so viktorianisch war, daß er kaum eine Bildidee verwandte, die nicht auch 1865 hätte existieren können.

Für alle Kenner, Sammler, Bibliomanen ist es reizvoll, an einer einzigen Figur zeichnerisches Temperament und Handschrift zu vergleichen. Nehmen wir den Hutmacher. Bei Tenniel ist es ein zwergwüchsiger Schreihals und armer Hund. Für Ralph Steadman ist derselbe ein Ekel und Widerling, der mit Popbrille, Kopfhörern und zerrissenen Klamotten herumrennt. Die Visage hat wenig Menschliches, und auf dem Bowler klebt ein Kärtchen mit dem stereotypen CAN YOU präsentiert der Hutmacher "die unangenehmen Seiten der menschlichen Natur. Aus ihm schreit das Unvernünftige. Der rüpelhafte, aalglatte Quizmaster, der endlos unlösbare Rätsel runterspult und dann fragt, ob man die nächste Woche wiederkommt, um noch mal einen Narren aus sich zu machen "

Browne findet in diesem Typ einen ganz anderen: den bedauernswerten deklassierten Tropf. Ängstlich korrekt gekleidet. Nur die sechs übereinandergestülpten Hüte zeigen, daß der Arme leider nicht alle Tassen im Schrank hat. Er ist auf sanfte, linde Weise nicht bei Trost. Das ist trauriger als klamottierende Performance "Den verrückten Hutmacher wollte ich nicht als delirierenden Pathologen vorführen. Ich versuchte, das Manische dieser Figur anders zu zeigen: Die eine Hälfte seines Gesichts ist glücklich, die andere verzweifelt", sagt Anthony Browne.

Seine Blätter zur unsterblichen Alice sind grotesk schöne, bizarre Bilder aus absurder Traumwelt. Bilder, die dem Vergleich mit großen Illustratoren der Vergangenheit selbstbewußt standhalten können. U B. Alice im Wunderland Mit Illustrationen von Anthony Browne, aus dem Englischen von Christian Enzensberger; Lappan Verlag, Oldenburg 1989; 128 S, 39 80 DM LUCHS 38 wurde unter drei Titeln ausgewählt. Thema: Klassiker im neuen Kleid. Zur Auswahl standen: Binette Schroeder: "Der Froschkönig", Verlag Nord Süd, Mönchaltorf u. Hamburg; Mark Twain: "Tom Sawyers Abenteuer", Haffmans Verlag, Zürich, und Lewis Carroll: "Alice im Wunderland", Verlag Lappan, Oldenburg. Die Juroren: Jo Pestum, Barbara Scharioth, Ute Blaich.