Von Dorothea Hilgenberg

West-Berlin

Hanni Schäfer wohnt mit ihrem Mann und den drei Kindern in Berlin-Charlottenburg, doch ihr Zuhause ist noch immer Berlin-Hellersdorf. Auch wenn der Jargon und die Mentalität der Berliner diesseits und jenseits der Mauer sich gleichen, meint sie nach wie vor den Ostteil der Stadt, wenn sie „bei uns“ sagt. „Bei uns“, das waren die Wärme der Hausgemeinschaft, die komfortable Neubauwohnung, die Datscha und die Kunst, die Allgegenwart des Staates durch private Freuden zu vergessen.

Man wollte weg, weil man Bürokratie und Mißwirtschaft nicht länger ertrug. Als Verkäuferin in der Kaufhalle hat Hanni Mangel und Unmut besonders zu spüren bekommen. „Es hat vorne und hinten nicht gereicht. Wie immer man auch das bißchen Obst zugeteilt hat, gab es Ärger.“

Im Juni sind die fünf Schäfers nach vierjähriger Wartezeit offiziell von Ost- nach West-Berlin übergesiedelt. Illusionen über den Neuanfang haben sie sich nicht gemacht, trotzdem fällt es Hanni in dem Gemeinschaftszimmer des Charlottenburger Übergangsquartiers schwer, Wehmut und Ängste durch Optimismus zu vertreiben: „Wird schon werden. Wir wußten ja, daß das kein Zuckerschlecken wird.“ Wie alle neuen Westberliner hoffen sie besonders auf eine Wohnung. Doch die neunzehn Wohnungsbaugesellschaften, die sie angeschrieben haben, konnten ihnen lediglich mitteilen, daß ihr Name auf die Warteliste gesetzt worden sei. Wann sie „dran“ sind, weiß niemand.

Es war erst einmal ein „Schlag“, das gemachte Bett in der Vierzimmerwohnung mit dem Schlafplatz in einer Turnhalle vertauschen zu müssen, mit dreißig Landsleuten auf einer Etage. Mehr als nächtigen konnte man dort nicht. Auch wenn man von dem besonders großen Andrang in Berlin wußte, wollten die Schäfers wie fast alle herüberkommenden Ostberliner sich im Westteil der Stadt niederlassen. Dafür gibt es sentimentale und praktische Gründe: Die Nähe zur Heimat, das preiswertere Telephonieren, die Hoffnung, bald wieder als Besucher hinüberzukommen oder wenigstens die Kinder über einen der Grenzübergänge in den Ferien hinüberzuschicken.

Nachdem die fünf Schäfers drei Wochen in der Turnhalle zugebracht hatten, wurde ihnen das Zimmer in der Charlottenburger Altbauwohnung zugewiesen, aus der gerade ein Bordell, das „Moulin Rouge“, ausgezogen war. Mit einer Sitzgruppe und einem Tischchen vom Trödel hat Hanni versucht, etwas Behaglichkeit neben den doppelstöckigen Feldbetten zu schaffen.