Soll man Kindern der Computergeneration überhaupt noch von Prinzessinnen erzählen: nostalgischen Traumwesen aus himmelweit entfernten Wunschländern? Man soll. Sie treffen sie nämlich sowieso. In Werbespots italienischer Schuh Designer zum Beispiel. Da stöckelt Aschenputtel elegant im gläsernen Zauberschuhchen vor einem honiggelben Mond in Technicolor herum. Und Dornröschen kichert uns aus Zeitungsannoncen entgegen. In zarten Händen ein schnurloses Hagenuk. Hagenuk? So was wie Heffalump, Limpfahump oder Heimalump? Nichts davon, das Hagenuk ist keine Erfindung von Pu, Ferkel oder Christopher Robin. Hagenuk ist eine Firma, bei der Dornröschen jobbt — erfolgreich übrigens —, im Vertriebs- und Servicebereich einer Telekommunikationsgesellschaft. Aus stacheliger Dornenhecke läßt sich mit dem Hagenuk schnür- und problemlos telephonieren. Garantiert störungsfrei.

Xuxa (keine Prinzessin zwar, sondern mehr noch: Zauberfee) ist bei TV Globo in Rio de Janeiro für CocaCola, Avon, Eiscreme und Maggi tätig.

Wie gut, daß es auch noch Prinzessinnen gibt, die unter keiner Doppelbelastung als Werbemodell und bei Königs daheim zu seufzen haben. Die schöne Braut des Froschkönigs zum Beispiel. Binette Schroeder hat an ihren Bildern zu diesem Grimm Märchen drei Jahre gearbeitet. Viele der unendlich vielen malerischen Versionen von der Romantik bis zur Gegenwart hat sie gesammelt, verglichen, studiert: Speckter, Crane, Rackham, Liebermann, Ubbelohde, Hegenbarth, Foreman und Sendak.

Mode, Architektur, Gärten und Landschaften: Binette Schroeder komponiert in einem ästhetisierenden Stilgemisch optische Assoziationen aus Empire, Renaissance, aus spätromantischer Landschaftsauffassung und gotisierenden Innenräumen. Sie werden zur zauberischen Kulisse: zärtlich und sanft oder kühl und beinahe streng. Die großen Tafeln sind nicht nur erlesen im Raffinement der Farben, sie zeigen auch Courage zum schwierigen Motiv. Die Verwandlung des Frosches passiert auf zwei Doppeltafeln; sieben schmale, sehr hohe aneinandergereihte Bildflügel fügen sich auf moosgrünem Fond zum furiosen Wirbel. Aus der glotzäugigen Fretsche wird ein blasser Prinz, der ivie ein Fröschlein der kindlichen Prinzessin zu 7ußen sitzt.

Die Illustratorin bedient sich kundig bei Meistern des frühen 19. Jahrhunderts, entwirft ferne feenhafte Bildräume, taucht mit zartem Sfumato Himmel, Gebirg, Wäldchen und Wiesen in märchenhaft silbriges Zwielicht. Landschaft und Raum werden zu einem schonen Behältnis für mythische Erzählung. Wald, Brunnen, Fels und Himmel als archetypische Metaphern. Wenn der Frosch plump aus erdiger Felskulisse ins gleißende Licht des offenen, hellen Parkweges hüpft, ist das mehr als eine gelungene Bildkomposition. Es ist Symbol für die geglückte Flucht aus übermächtig dumpfer zauberischer Erstarrung. Binette Schroeders Bilder sind mehr als gefällig hübsche Anmut; sie zeigen, daß sich die Illustratorin lange und sehr genau mit den Motiven beschäftigt hat. Die vielleicht originellste Bildlösung ist dem alten Heinrich gewidmet. Ein eisgraues Mannchen auf endlos steinigem Plafond sieht fassungslos und starr vor Gluck zum verwandelten Prinzen auf. Die Illustration zeigt nur die weißen Fesseln der Schimmel einer königlichen Kutsche, graziöse Schatten, und ganz im Vordergrund des großen Blattes winseln und wuseln fünf herrschaftliche Jagdhündlein, die mit eben derselben devoten Treue wie der alte Diener zum Prinzen aufblicken.

Experten haben sich immer wieder wild zerstritten, ob man Märchen und Mythen durch Bi der nicht unzulässig versimpele. Binette Schroeder zeigt, daß künstlerisch kluge Empfindung dies Urteil Lügen straft. Ute Blaich Nord Süd Verlag, Mönchaltorf und Hamburg 1989; 32 S, 24 80 DM Das fängt ja gut an: "Heute ist Sonntag, und es regnet Die Mutter ist verreist, der Vater liest, Fanny langweilt sich. Der Vater soll etwas malen. Er seufzt und malt. Wer, mit Verlaub, kennt das nicht? Diese Sonntage! Dieser Regen! Endlich hätte man Zeit für die ZEIT. Aber Fanny langweilt sich. Der Vater malt und seufzt. Nichts will gelingen.

Plötzlich fängt der Bleistift an zu tanzen. Ein Clown entsteht, und Fanny malt ihn mit bunten Farben aus. Der Clown gewinnt Leben, er springt aus dem Papier hervor, sagt "Guten Tag allerseits" und schenkt Fanny eine rote Pappnase. Und nun arrangieren die beiden eine Zirkusvorstellung. Alle helfen mit, der Teddy und das Schaukelpferd, der weiße Rabe und die gestreifte Katze. Die Kinder aus der Nachbarschaft kommen, eine grandiose Show beginnt, und am Ende sinkt Fanny selig in den Schlaf. Der Vater hat gelesen, die Wohnung ist ein Chaos, die Mutter kann nach Hause kommen.