Protest in Moskau

Moskau, Anfang November

Auf den Spruchbändern stand: "Proletarier aller Länder, verzeiht!", "72 Jahre – ein Weg ins Nichts", "Oktober-Umsturz, ein Unglück", "Ruhm der KPdSU – als gleicher unter gleichen", "Für den sowjetischen Arbeiter nichts als Elend – Solidarität mit dem Streikkomitee von Workuta" und: ",Der Gipfel der Schande und des Abscheus ist eine Partei an der Macht, die ihre Schurken verteidigt’ – W.I. Lenin".

Dies alles konnten die Moskauer am Dienstag dieser Woche zum 72. Jahrestag der Oktoberrevolution lesen. Sieben Kilometer entfernt vom Roten Platz und rund sechzig Jahre entfernt von den letzten oppositionellen Bekundungen gegen die Revolutionsfeiern trafen sich am Morgen um acht Uhr 10 000 Hauptstädter zur Gegendemonstration. Sie war genehmigt worden als Beweis für Gorbatschows sozialistischen Pluralismus.

Doch als der Staats- und Parteichef um zehn Uhr, zu Beginn der offiziellen Parade, das Lenin-Mausoleum betrat, wirkte er angespannt und nervös. Da zogen die 10 000 bereits vom Dynamo-Stadion in die Innenstadt. Sie schwenkten die weißblaurote Fahne des vorrevolutionären Rußlands, die Andrejew-Flagge der zaristischen Kriegsmarine als Symbol der Unnachgiebigkeit, die Fahne der Anarcho-Syndikalisten mit dem roten Stern auf schwarzem Grund. Nur die äußerste Rechte, die Russische Nationale Front, hatten die Veranstalter nicht mitmarschieren lassen.

Die von den Behörden freigegebene Strecke führte an Fabriken und Industriegelände vorbei, unter Umgehung der Wohnviertel. Den Miliz- und Sondereinheiten, die große Kreuzungen sperrten, um mögliche Durchbrüche zum Roten Platz zu verhindern, schallten Sprechchöre entgegen: "Schande, Schande!", "Jagt lieber Verbrecher!", "Jungs, geht zu uns über, das Volk siegt sowieso".