emeinhin hat der Gamsbart die Form eines Rasierpinsels. Nur in Alt Aussee ist er kreisrund. An den Wänden hingen Photos und Autographen vom "mutmaßlich letzten deutsch jüdischen Schriftsteller", so nannte sich Friedrich Torberg selber, insbesondere hingen Dokumente betreffend seine dreijährige Flucht quer durch Europa und schließliche Rettung aus NS Todesgefahr.

Die Gamsbärte aber waren kreisrund, und die Trachtenmusik aus Alt Aussee spielte Weisen, wie der deutsch jüdische Schriftsteller Torberg sie liebte, und vor ihm schon der Erzherzog Johann, der dazu mit Sennerinnen tanzte. Auf steirischen Almen hatte er 126 uneheliche Kinder, behauptete vor Jahren ein Dissertant der Universität Graz, der deswegen bis heute nicht mit der Doktorwürde der Universität Graz bekleidet wurde. Obgleich er nachweisen konnte, daß der demokratisch gesinnte Erzherzog zu seinen ehelichen Söhnen zu sagen pflegte: "Grüßt immer alle Kinder auf dem Lande, es könnten eure Brüder sein " Genau das also war die Eröffnung der Friedrich Torberg Ausstellung in Wien aus Anlaß seines kürzlich vergangenen achtzigsten Geburtstages und demnächstigen zehnten Todestages. Es war ein unnötiger zusätzlicher Hinweis auf das in Österreich herrschende Durcheinander, daß dieses Gedenken an den gut konservativen, allem Roten höchst abgeneigten Autor in der zum sozialdemokratischen Finanzimperium gehörigen "Zentralsparkasse der Gemeinde Wien" (noch bis zum 23. November) stattfindet.

Ich aber sagte, geübt widerstehend der Hitze, die bei immer verschiedenen Ausstellungseröffnungen von der immer gleichen Kulturprominenz ausgestrahlt wird:

Über Friedrich Torberg mehrmals binnen Jahresfrist zu reden, wie mirs passiert angesichts der grassierenden Torberg Renaissance — ist, was im heutigen Angloquacksprech eine Tschällentsch heißt.

Torberg, der besser Englisch konnte als mancher Engländer und fast jeder Amerikaner, zitierte im Falle von Tschällentsch gerne den jüdischen Wiener Journalisten Colbert, verschollen im KZ: "So eine Gelegenheit — wie schon Napoleon vor der Schlacht bei Wagram zu dem ihn begleitenden Marshall Ney zu sagen pflegte — muß man herausnützen!!"

Ich nütze die Gelegenheit der Wiener Torberg Ausstellung heraus zum Hinweis auf die verloren gegangene Kunst des Briefschreibens, in welcher Torberg der letzte deutsch jüdische Meister war. Seine Briefe muß man lesen, wenn man wissen will, was Witz ist.

Witz ist mitten im Unglück das Glück, mit der Sprache spielen zu müssen, um ernsthaft bleiben zu können.