ie schroffen Bücher von Juan Carlos Onetti sind dem Bestsellerpublikum durch die Lappen gegangen. Onetti gehört zu den Schriftstellern, denen das völlig gleichgültig ist. Als zurückhaltender Einzelgänger hat er nie Wert darauf gelegt, Teil einer Mode zu sein. Er ist bis heute ein stiller Autor geblieben. Seine Scheu oder sogar sein Ekel vor der Berührung mit dem Betrieb sind offensichtlich.

Vergeblich wird der europäische Leser nach folkloristischen südamerikanischen Elementen in Onettis Werk fahnden, die zum Markenzeichen der Literatur dieses Kontinents geworden sind. Er wird die Klischees der Sinnlichkeit vermissen, über die man so gern ins Schwärmen gerät, sei es, daß noch aus den abgefucktesten Bordellen die Lebensfreude hervorzuleuchten scheint, sei es, daß die Sinnenlust sogar zu verspüren ist, wenn wieder einmal einer dieser verrückten Diktatoren einem armen Teufel den Kopf abschlagen läßt. Eine lückenlose Biographie von Juan Carlos Onetti gibt es nicht. Er ist 1909 in Montevideo geboren, wo auch Lautreamont zur Welt kam. Aber längst ist die Zeit des europäischen Kosmopolitismus vorbei, die Onetti in seiner Jugend vielleicht noch als Klima erfahren hat. Seine Großeltern sollen italienische Einwanderer gewesen sein, der Vater war Zollbeamter, seine Mutter kam aus dem brasilianischen Südstaat Rio Grande do Sul und war Tochter eines Großgrundbesitzers. Onetti besuchte die Universität, ging verschiedenen Gelegenheitsarbeiten nach, war Nachrichtenredakteur der Agentur Reuter und Mitarbeiter der linksgerichteten Zeitung Marcba, die nach dem Staatsstreich 1973 verboten wurde. Onetti kam sogar ins Gefängnis, obwohl er alles andere als ein kämpferischer Kommunist gewesen ist. Das putschende Militär und die von Patrouillen durchzogene Stadt gaben wohl den Ausschlag, daß er 1975 nach Madrid übersiedelte.

Im Jahre 1981 erhielt er den Cervantes Preis, und der spanische König gab für den Schriftsteller ein Diner. Alle geladenen Gäste kamen. Onetti fehlte. Seit 1939, dem Jahr des Erscheinens seines ersten Romans "El pozo" ("Der Schacht"), war viel Zeit vergangen, aber Onetti hat sicher nie vergessen, daß die 500 Exemplare seines ersten Buches im Lager der Vertriebsgesellschaft vergammelten. Das Buch fand damals keinen Leser, keine Zeitung hat es besprochen "El pozo" ist also in den Schacht des Vergessens gefallen, noch ehe es gelesen worden war; eine harte Schule für einen stillen Autor.

Heute markiert "El pozo" die Geburtsstunde des modernen lateinamerikanischen Romans, wie Vargas Llosa sagt — aber es ist leicht, nachträglich ein Werk einzuordnen. Inzwischen wird dieser Roman in einem Atemzug mit Sartres "Ekel" genannt, jenem Buch, das ein Jahr zuvor erschienen war. Von der frühen Erkenntnis, daß das Subjekt in seine Existenz "hineingeworfen" wird und daß es im Grunde der Welt nur mit distanzierter Abscheu begegnen kann, verabschiedete sich Sartre bald. Für ihn bedeutete allein schon Schreiben: handeln, aktiv sein, die Welt interpretierend beeinflussen.

Onetti will das zu keiner Sekunde, jedes Engagement im Zusammenhang mit seinem Schreiben widerstrebt ihm. Sartre ließ sich nach anfänglichem Zögern von seinem gesellschaftlichen Auftrag herausfordern, Onetti sieht für sich keinen Grund, seine Ich Bezogenheit aufzugeben. Seine Hauptfigur Linacero befindet sich in einer resignativen Stimmung, die wohl viele Künstler und Intellektuelle vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und nach dem Sieg Francos spürten. Linacero — und mit ihm Onetti — kann für sich weder das Korsett bürgerlicher Werte akzeptieren noch sich mit einer politischen Bewegung identifizieren. Er ist frei davon und bedauert es nicht. Für ihn sind alle Ideologien schal. Er denkt "nur" ans Schreiben, und der Schreibakt ist für ihn eine andere Art, zu sein, der bestimmende Teil seiner Existenz.

Juan Carlos Onetti war dreißig Jahre alt, als er "El pozo" schrieb. Ort des Geschehens ist ein schmutziges, heißes Zimmer in Montevideo, in dem Eladio Linacero sitzt. Er könnte in die Stadt hinausgehen, aber er zieht es vor, sich durch dieses Zimmer in einen Schacht der Erinnerung hineinziehen zu lassen und aus diesem selbstgewählten, suggestiven Delirium heraus die Wahrheit über sich zu schreiben. Er schont sich nicht in seinen Bekenntnissen am Vorabend seines vierzigsten Geburtstages. Obwohl er studiert hat und irgendeiner journalistischen Tätigkeit nachging, interessiert er sich nicht für Arbeit und Karriere "Die Arbeit ist für mich eine widerliche Dummheit", schreibt er und hält sich lieber in freiwilliger Gefangenschaft ohne Geld inmitten der Großstadt in diesem Zimmer auf. Ihn faszinieren mehr seine Abenteuer im Geiste, seine Tagträume. Trotz aller Skepsis dem Leben gegenüber kann der Phantasietrieb in eine (manische) Schreibhaltung umgesetzt werden, die sich scheinbar nur um sich selbst kümmert und die den Lebenstakt bestimmt "Alles im Leben ist Scheiße, und wir sind Blinde in der Nacht, angespannt und ohne zu verstehen", sagt Linacero am Ende des Romans.

Diese Haltung zieht sich durch alle Arbeiten. Onetti interpretiert nicht, er beobachtet und formt seine Beobachtungen. Verstehen können die Leser, wenn sie wollen. Onetti läßt ihnen völlige Freiheit. Es ist die Freiheit der anderen — er selbst möchte in Ruhe gelassen werden bei seiner Tätigkeit und bei der Vergeblichkeit dessen, was er tut. Diese offensichtlich resignative Haltung könnte Widerspruch erzeugen. Aber Onetti widerspricht sich ja selbst, zumindest, wenn man sein großes, kontinuierlich entstandenes Werk betrachtet, in dem der Fatalismus sich nie verringert, der Autor jedoch mit einer höchst eigenwilligen Besessenheit an dessen Darstellung arbeitet.