Bei der Erkundung der Anfänge unserer europäisch abendländischen Mehrstimmigkeit tappen die Wissenschaftler noch heute weitgehend im dunkeln. Gesichert ist, daß die erste systematische Notierung von zwei oder mehr Stimmen gegen Ende des 8. Jahrhunderts begann, als der einstimmigen gregorianischen Choralmelodie, dem sogenannten "Cantus firmus" zusätzliche Klänge in Quint- und Quartparallelen Note gegen Note hinzugefügt wurden. Dies war die Zeit des frühen Organums. Dessen Form führt im 12. Jahrhundert schließlich zum gravierendsten Einbruch in der abendländischen Musik, der ersten Ausführung mehrerer selbständiger Stimmen: Die Choralmelodie erstarrt zu langen Haltetönen, über denen sich ein kunstvolles Figurenwerk ausbreitet — über dieser sogenannten "bourdonierenden" Note sind das in moderner Übertragung oft mehr als zwanzig Takte. In einer neuen Satzkonstruktion, die die zunächst frei rhythmisierten Melismen einer immer strengeren metrischen Ordnung unterwirft, entwickelt sich als erste Ausprägung einer eigenständigen Komposition das klassische Organum.

Es löst zugleich einen Standortwechsel aus: Die bis dahin vorwiegend in abgeschiedenen Klöstern kultivierte gregorianische Tradition drängt mit diesen radikalen Veränderungen in die Öffentlichkeit der Dom- und Pfarrkirchen. Geistiges Zentrum dieses Umbruchs ist Notre Dame in Paris. Von dort wird die "neue" Kunst unmittelbar in die Kathedralen Englands, Frankreichs und Spaniens exportiert. Das Neue an diesen Musiken ist außerdem, daß sich die Urheber mit vollem Namen auszuweisen beginnen, damit ihnen in der Öffentlichkeit volle Anerkennung ihrer künstlerisch schöpferischen Autorität zuteil werden kann. Auf einen der ersten Organa Komponisten, der neben einem gewissen Leonin an Notre Dame in Paris wirkte, macht eine spektakuläre Einspielung jüngst aufmerksam:

"Perotin"; The Hilliard Ensemble; ECM 1385 837 751.

Mit den Kernstücken der schon damals vielbewunderten Kunstfertigkeit des Magister Perotinus Magnus — von Zeitgenossen ehrfürchtig als "optigen zumindest vertraut sein: den vierstimmigen Organa, sogenannten "Quadrupla" "Viderunt omdrei Oberstimmen meist von Solisten, der langgezogene gregorianische Cantus firmus hingegen durchweg vom Chor gesungen wurden. Die vorliegende, wie eine Entdeckung hoch zu veranschlagende Neuaufnahme bestreiten solche in Stilkenntnis wie vokaler Ausführung gleichermaßen hochzurühmende Solisten. Sie lassen jene wohl am meisten ferngeriickte Epoche ornamentaler wie räumlich disponierter mittelalterlicher Kunstpraxis gleichsam zum anheimelnden Klangerlebnis geraten. Und es bedarf obendrein nicht einmal beiläufiger wissenschaftlicher Vorkenntnisse, um die neun Stücke der wahrhaft süperben Edition — einige sind noch als "anonym" deklariert — als "mystische" Relikte auf sich einwirken zu lassen, als beträte man eine jener großräumigen gotischen Kathedralen. Andererseits erinnern sie nicht selten in ihrer stereotypen Formelhaftigkeit an die bekannten Klangfolien der Minimal Music, deren Konstruktionselemente, daran ist kein Zweifel, in vielem der klassischen Blütezeit des Organums nachgebildet sind.

Auf "erkundetem" Feld indes bleibt der Blick des Forschers nicht ungetrübt:

Johann Sebastian Bach:

"Goldberg Variationen"; Keith Jarrett; ECM 1395 839 622.