Bachs esoterisch verankerte Kontrapunktik unter den Händen eines extrovertierten Virtuosen des Jazz Idioms unserer Zeit — geht das ohne Geringschätzung und Ehrabschneidung zusammen? Gilt der Wechsel eines (freilich ingeniösen) Künstlers von der U- zur E Musik noch immer als paradox? Unter Puristen ganz gewiß! Ihnen war schon ein Dorn im Auge, daß Keith Jarrett mit einer aufsehenerregenden Einspielung des ersten Teiles von Bachs "Wohltemperiertem Klavier" viele Zweifler eines Besseren belehrt hatte. Sein grandioser, unbefangener Zugang zu jener Materie damals (auf dem Klavier) wird nun (mittels Cembalo) an einem weiteren Standardwerk auf höchst imponierende Weise unterstrichen. Ruhmreiche Protagonisten der Zunft in ihrer akademischen Blässe und Dürftigkeit könnten sich da durchaus zum Berufswechsel animiert fühlen.

Hatte nicht Glenn Gould, der legendäre, wie Keith Jarrett aller europäischen Wurzeln ledig, ein Musterbeispiel universaler Bachscher Ausforschung mit eben jenem Werk geliefert? Fügt ihm der ebenso bescheidene, technisch brillante und geistigen Anforderungen des Variationswerkes frappierend gewachsene Jarrett, zweifellos aus anderen Ressourcen stimuliert, nicht berückend klare neue Facetten hinzu? Selbst die intrikateste, lausig schwere figuristische Auszierung wird bei dem feinsinnigen Filigrantechniker zur unterhaltsamen Lustbarkeit. In den zwingenden Gedankenreichtum der Innenwelt Bachs geheimnist er nichts selbstgefällig hinein: Stets zügig und (etwa in Variation 25) ohne sentimentale Drücker hält sein singuläres musikantisches Vermögen Distanz zu sich und dem Werk. Bedauerlich sind lediglich die ausgesparten Wiederholungen. Hat Jarrett sie teilweise geopfert, weil der Platz auf einer CDScheibe nicht reichte?

Eines Verstoßes gegen die Vollständigkeit machte eine seit langem mit Spannung erwartete Publikation eines oratorischen Hauptwerkes des Leipziger Thomaskantors sich keineswegs schuldig:

Johann Sebastian Bach: "Matthäus Passion"; Johnson, Schmidt, Bonney, Monoyios, von Otter, Chance, Crook, Bär, Hauptmann, Monteverdi- und London Oratory Junior Choir, The English Baroque Soloists, Dirigent: John Eliot Gardiner; DG Archiv 427 648 (3 CD).

Eine strichlose, allen Urheber Direktiven penibel folgende Darstellung der populärsten Passionskomposition. Sie bricht in eine Epoche ein, in der Bachs Meisterwerk — nach Ansicht des Philosophen Hans Blumenberg — den Höhepunkt seiner Verbreitung und der Vielfalt seiner Auffassungen und Ausführungen in einer seiner Inhalten entfremdeten Zeit erreicht habe. Provokativ verstieg Blumenberg sich in seinem vor Jahresfrist erschienenen Buch "Matthäuspassion" zu der Behauptung: "Läßt man den kanonischen Rang des Textes auf sich beruhen, transzendiert der Ton alles, was ihm unterlegt wird "

Ein spitzfindig angezettelter Gelehrten Disput, schockierend für jeden Leser, erst recht für den Engländer John Eliot Gardiner, der die Antwort mit einer geradezu sensationellen Neudeutung erteilt. Seine "Exegese", die auf Erkenntnissen aus jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit dem Inhalt beruht, also nicht im Schnellgang theologischphilosophischer Spekulation zu haben ist, berührt den Kern der Sache und wendet sich entschieden dagegen, daß rezeptionell Bachs Horizont — wie von Blumenberg — auf den seiner Leipziger Gemeinde reduziert wird. Gardiners fundierte Betrachtung und Ausführung sind anstößig in anderem Sinne: Sie führen zeitkritisch und einleuchtend den "romantischen" Charakter der "Matthäus Passion" ins gegenwärtige Bewußtsein zurück. Einengende Perspektive und Dogmatik sind ihm suspekt, stammten die auch von Blumenberg oder Harnoncourt. Der Hörer ist überrascht: Ohne Scheu riskiert Gardiner in dramatischen Partien (des Jesus, in den Chorälen wie den TubaChören) "Parsifal" Pathos, das weder stilgefährdend noch peinlich ist.

Für die Konzeption der Neugestaltung hat er sich bestens vorbereitet. Die Großförmigkeit des Eingangschores markiert dies deutlich: mit sublimer Phrasierung und Dynamikabstufung; durch tänzerisch schwingenden Duktus (Siciliano) und genau kontrollierte Tonfärbung. Die vitale Binnenstruktur des doppelchörigen Satzes erhält mit kurzen und langgezogenen Partikeln eine optimale Durchsichtigkeit — bei konsequent eingehaltener Stimmung und Tonhöhe (415 Hz, einen halben Ton tiefer als üblich). Bei den Chorälen haftet Gardiner indes oft zu sehr an konventionellen Mustern.