Höchste kammermusikalische Maßstäbe setzt er hingegen in den Rezitativen und Arien — mit einem illustren Solistenaufgebot, das er sorgsam (jeweils nach Stimmcharakter) über das gewohnte Maß hinaus einbezogen hat. Schwachstellen oder LTnzulänglichkeiten sind bei keinem auszumachen, eher nie gehörte Glanzpunkte wie etwa die Arie "Erbarme dich" — mit faszinierender irdisch leidvoller Nachempfindung — oder Duett und Chor "So ist mein Jesus nun gefangen", wobei die Choreinwürfe "Laßt ihn, haltet, bindet nicht" entgegen aller Gepflogenheit pianissimo gesungen werden, um den Vorrang des Solistischen nicht zu stören.

Ein Meisterstück also moderner Interpretation, das in der Plattenbranche seinesgleichen sucht. Es versagt auch Blumenbergs vagen Thesen ihre Glaubwürdigkeit. Denn der Ton dieses Geschehens transzendiert keineswegs alles, was ihm textlich unterlegt wird: nur Christi Leidensgeschichte. Der aus England importierten künstlerischen Spitzenqualität Alter Musik hält ein deutsches Elite Ensemble freilich die Waage:

Georg Philipp Telemann: "Tafelmusik"; Musica Antiqua Köln; DG Archiv 427 619 (4 CD).

Das allenthalben bekannte, von Max Reger in einem großangelegten klavieristischen Variationszyklus ausgeschlachtete "Menuet" der B dur Ouverture (genauer: Suite) wäre beispielsweise ein treffendes Gegenstück, das belegt und zeigt, daß die noch an Bachs "Brandenburgischen Konzerten" demonstrierte, recht manierierte Spielweise der Kölner einem natürlicheren Musizieren gewichen ist. Für die vorliegende Aufnahme auf neunzehn Musiker ausgeweitet, raffte sich das ehrgeizige Barockmusikensemble zu seiner bisher fulminantesten Leistung auf. Der angelsächsischen Pfiffigkeit im Metier nicht unähnlich bringt Reinhard Goebel in der Doppelfunktion von Solist und kollektivem Leiter Telemanns "Musique de table" — sie ist nicht nur auf "kulinarisches" Ambiente beschränkt gewesen — zu Gehör. Staunenswert auch, welche teils unbekannte Musik sich in der dreiteiligen, als "Production" französisierten Suiten Satzfolge von jeweils "Ouvertüre", "Quatuor", "Concert", "Trio", "Solo" und "Conclusion" dem Rezipienten erschließt. Kein Wunder, daß der in England wirkende Georg Friedrich Händel — einer der vielen Subskribenten von Telemanns Neuheiten — oft auf jenen erfindungsreichen Schatz zurückgegriffen hat: etwa auf den Kopfsatz des F dur Konzertes (Production II) für die zum "Hausmusik Hit" stilisierte Ouvertüre "The Queen of Shiba" — die Anrüchigkeit des Plagiats zählte damals nicht.

Respekt also vor der pionierhaften Tat, die Geschlossenheit der "Tafelmusik" in so grandioser Wiedergabe ermöglicht zu haben. Der von 1721 bis zu seinem Tod (1767) in Hamburg mit vielen Ämtern und Ehrungen bedachte Georg Philipp Telemann müßte darüber entzückt sein.