Von Karol Szyndzielorz

WARSCHAU. – Die Bilder vom ersten Besuch des bundesdeutschen Kanzlers Willy Brandt in Warschau sind noch unvergilbt in meinem Gedächtnis: die steife Begrüßung auf dem Flugplatz, die Verbeugung vor dem Banner der Ehrenkompanie, die verdunkelten, leeren Straßen der Hauptstadt, die dramatische Geste vor dem Denkmal der jüdischen Helden des Aufstandes im ehemaligen Warschauer Ghetto. Und dann kam die größte Stunde in den Nachkriegsbeziehungen zwischen Polen und Deutschen – die Unterzeichnung des Vertrages über die Grundlagen der Normalisierung der Beziehungen zwischen Polen und der Bundesrepublik. Jozef Cyrankiewicz und Willy Brandt strahlten Freude und Optimismus aus.

Der Sinn des Vertrages war uns damals klar. Er sollte unmißverständlich die Anerkennung der bestehenden Grenzen zum Ausdruck bringen. Die christlich-demokratische Opposition in Bonn sah das anders. Damals, wie auch heute bestand die Gefahr, daß der Begriff der Normalisierung in Bonn anders ausgelegt wird als in Warschau.

Davon konnten wir uns während der mühsamen Vorbereitungen zum Besuch des Bundeskanzlers Helmut Kohl überzeugen. An sich sollte er schon früher stattfinden, vielleicht schon vor einem Jahr. Jeden Monat traten aber neue Verzögerungsgründe zutage. Mal waren es überzogene Vorstellungen auf polnischer Seite über die Kredit- und Lieferungsmöglichkeiten der Bundesrepublik, mal die sich vollziehenden Veränderungen auf der politischen Bühne in Warschau. Mieczyslaw Rakowski unternahm als Ministerpräsident einen Durchbruchsversuch während seines kurzen Aufenthaltes in der Bundesrepublik anläßlich des Geburtstages von Willy Brandt. Er kehrte damals mit der Uberzeugung nach Warschau zurück, im Jahre 1989 würden Bundeskanzler wie auch Bundespräsident nach Polen kommen. Es ging um den politischen und symbolischen Wert dieser Ereignisse fünfzig Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Inzwischen hat die politische Landschaft sich in Polen auf eins Art geändert, die noch vor einem halben Jahr als kaum möglich betrachtet wurde. Die neue polnische Regierungskoalition führt dazu, daß sich heute Helmut Kohl mit seinem Amtskollegen Tadeusz Mazowiecki viel eher verständigen kann, nicht nur weil beide deutsch sprechen, sondern vor allem, weil sie sich zu denselben christlichdemokratischen Grundsätzen einer pluralistischen Gesellschaft bekennen. Das schafft natürlich andere Voraussetzungen – und Erwartungen. Man fragt sich in Warschau, ob Bonn tatsächlich bereit ist, an einer tiefgreifenden Umwandlung der gegenseitigen Beziehungen mit voller Kraft und in demselben Geiste mitzuwirken, wie den durch Konrad Adenauer formulierten Verpflichtungen der Deutschen gegenüber den Juden, den Franzosen und den Polen. Das ist nicht allein eine Schicksalsfrage für Polen und Deutsche. Auch für unser gemeinsames Europa dürften die deutsch-polnischen Beziehungen in der Zukunft keine Belastung bedeuten.

Wir hoffen, daß die Gespräche und Verhandlungen weiterhin sachlich bleiben, damit die Vorarbeit beider Regierungen sich tatsächlich in Verträgen und Abkommen niederschlägt.

Die Beziehungen zwischen Polen und der Bundesrepublik bleiben dennoch ein Minenfeld, durch das man sich mit großer Geschicklichkeit und Gewandtheit bewegen muß. Emotionelle Belastungen, zum Beispiel die Frage der deutschen Minderheit, könnten leicht zu einem politischen Konflikt ausarten. Ich selbst stamme aus Oberschlesien und weiß nur zu genau, daß ein falscher Schritt, wer ihn auch macht, großen Schaden für alle bringen kann. In diesem Bereich sind symbolische Aktionen kaum gefragt.