Man nannte ihn den "roten Baron" — und war kleinbürgerlich stolz, daß man ihn zum Genossen hatte, was Teilhabe an feudaler Aura bedeutete (Er stammte aus einem alten schwäbischen Adels, Reichsrittergeschlecht, das sich bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen läßt ) Der Versuch des Vaters freilich, nicht zuletzt mit Hilfe des Vermögens seiner Frau, als Gutsbesitzer eine seinem Namen entsprechende gesellschaftliche Stellung wieder zu erwerben, scheiterte; am Ende blieben nur die Mittel für den Kauf eines kleinen Häuschens mit Garten am Dorfrand von Aising beziehungsweise Aisingerwies, inzwischen von Rosenheim eingemeindet. Skepsis und Ablehnung erfuhr der "rote Baron" bei kleinbürgerlichen Funktionären, die ihn als idealistischen Träumer, Romantiker oder gar "Spinner" abqualifizierten; er wurde als Lohengrin ("Nie sollst du mich befragen ") oder als der reine Tor Parsifal persifliert — weil er eben voller hochfliegender Gedanken und Konzepte steckte und damit die "Macher", zumindest deren Unterbewußtsein, irritierte; er war mit Recht davon überzeugt, daß man nichts vom Kopf auf die Füße stellen kann, wenn man nichts (oder zuwenig) im Kopf hat.

Die Rede ist von dem SPD Politiker Waldemar von Knoeringen, über den es in der hier vorzu stellenden Biographie von Hartmut Mehringer heißt: "Sein Grundanliegen erschöpfte sich nie darin, für die eigene Partei kurzfristig Mehrheiten und Macht zu erreichen, immer ging es ihm darum, sie durch einen umfassenden geistigen Neubau angesichts der Herausforderungen einer rapide sich umgestaltenden Welt langfristig mehrheitsfähig zu machen, das heißt die Partei — und über sie hinaus die Gesellschaft — geistig so umzuformen, daß die Mehrheit nur die natürliche und logische Konsequenz daraus wäre. In dieser Hinsicht ist er seinem späteren Kontrahenten im Parteivorstand, Herbert Wehner, ähnlicher, als er selbst sich das je eingestanden hätte. So war er immer auch ein unbequemer Genösse, ein Warner und Mahner, der es nie zuließ, sich selbstzufrieden auf eigenen Lorbeeren auszuruhen. Auch wenn er oftmals an der offensichtlichen Dichotomie zwischen Anspruch und tatsächlichen Realisierungsmöglichkeiten verzweifelte, war er doch ein Politiker, der sich selbst und seinem Grundanliegen immer treu blieb — und wurde infolgedessen gerade auch von jenen, die ihn als weltfremden Idealisten kritisierten, durchaus als Hoffnungsträger und Integrationsfigur hohen Grades geachtet und geschätzt. Er gehörte keiner Schule, keiner inhaltlich oder fraktionell bestimmbaren Richtung an, war ein ausgesprochener Vielleser und galt vielen — nicht zuletzt deshalb — als theoretischer Eklektiker "

Die Biographie ist die überarbeitete und ergänzte Fassung einer Habilitationsschrift. Sie basiert auf beeindruckenden und umfassenden Quellenstudien und demonstriert die "hohe Schule" wissenschaftlicher Solidität. Besonders erfreulich, daß das Buch darüber nicht steril langweilig geworden ist. Jacob Burckhardt meinte einmal, viele Historiker würden sich zwar in den Berg der Geschichte, ihrer Daten und Fakten hineinbohren, doch dann hinter sich nur einen Haufen Schutt lassen. Hartmut Mehringer gelingt es statt dessen, die Details überzeugend zu vernetzen, die Interdependenzen aufzuzeigen und bei allem Detail, das natürlich vorwiegend den Experten interessieren dürfte, die großen Zusammenhänge plastisch und spannend herauszuarbeiten. Das in der Einleitung formulierte Ziel wird somit voll erreicht: "Diese Biographie Waldemar von Knoeringens versucht, Entwicklung und Wirken einer prägenden Persönlichkeit der Nachkriegszeit nachzuzeichnen. Sie ist — aufgrund des Schwerpunktes 1933 1949 — zugleich eine Untersuchung über eine Epoche, die Epoche des Widerstands und des Exils unter dem Nationalsozialismus sowie des Wiederaufbaus nach 1945, eine Untersuchung über eine Gruppe — die sozialdemokratischen Emigranten, die nach 1945 so viel zu Aufbau und Erneuerung ihrer Partei wie des westdeutschen Staatswesens beigetragen haben — und über die SPD und ihre Entwicklung "

Der am 6. Oktober 1906 geborene Waldemar von Knoeringen schloß sich nach dem frühen Tod seines Vaters, den er ob seiner Belesenheit, Noblesse und Toleranz sehr schätzte ("das engere und wärmere menschliche Verhältnis hatte er jedoch zweifellos zu seiner Mutter"), 1926 der Sozialdemokratischen Partei in Rosenheim an. Nicht Protest gegen das eigene Elternhaus war dafür maßgebend, sondern, neben einem ausgeprägten persönlichen und gesellschaftlichen Gerechtigkeitsgefühl, die sowohl intellektuelle als auch emotionale Motivation, "aus dem brüchig gewordenen angestammten Sozialmilieu, dessen wirtschaftliche und bewußtseinsmäßige Standesbedingungen die Familie nicht mehr erbringen konnte, auszubrechen und sich einen ganz anders gearteten Integrationsrahmen zu suchen". Als er 1918, in der Quinta, das Schuljahr nicht bestand, nahmen ihn die Eltern, wohl auch aus wirtschaftlichen Gründen, von der Schule. Daß ein viel späterer Versuch, das Abitur nachzuholen, scheiterte, lag vor allem am Ausbruch des Dritten Reiches. Knoeringen hat darunter gelitten, daß er die standesgemäße schulische Ausbildung nicht abschließen konnte — "ein Versagenserlebnis, das ihn zeitlebens Akademikern mit oftmals enttäuschter Hoch- und Überschätzung entgegentreten ließ". Doch hat dies auch seinen autodidaktischen Bildungselan, der von der Jugend an ausgeprägt war, ungemein beflügelt: "So fing ich an zu lesen. Alles, was mir in die Finger kam. Jeden Tag bis tief in die Nacht. Es war die Zeit, als der Vater immer, bevor er ins Bett ging, auf meine Stube kam und mich ermahnte, zu Bett zu gehen. Aber ich ging nie. Ich las und las Besonders beeindruckt war er von sozialistischen Schriften — so von Ferdinand Lassalles Rede "Über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes"; sie war für ihn eine Art Offenbarung, und es ist für sein späteres Sozialismus Verständnis wichtig gewesen, daß sich ihm der Zugang über Ferdinand Lassalle und nicht über Karl Marx erschloß. Bildung stand im Zentrum seines Lebenswerkes. Während des Krieges, in der englischen Emigration, hat er in den Reeducation Lagern Ascot und Wilton Park gewirkt, sich für die geistige Umorientierung der Kriegsgefangenen eingesetzt. Nach dem Krieg initiierte er die politische Bildungsarbeit in Bayern. Schließlich schuf er mit der Georg von Vollmar Schule in Kochel eine politische Bildungseinrichtung, die er lange Zeit leitete. "Sozialdemokraten müssen sich von ihren Gegnern unterscheiden: durch ihr Wissen von der gesellschaftlichen Entwicklung, durch den Realismus ihrer Politik, durch die Wahrhaftigkeit ihrer Argumente, durch ihren Mut und ihre Leidenschaft im Kampf für das Recht der Unterdrückten, durch ihren Glauben an die Menschlichkeit und die Freiheit "

Knoeringens politische Entwicklung wurde durch eine tiefe Abneigung gegenüber Hitler bestimmt. In einem Brief an seinen Großvater vom 5. September 1932 heißt es: "Von einem grenzenlosen Größenwahn gepeitscht, redet dieser geborene Demagoge in Gefühlen und in seinem Willen zur Macht, der auch über Leichen, vielleicht auch über ein zerschlagenes Volk führt, fördert er lichts zutage als einen Schwall von Phrasen, deren ;iefe Wurzeln die Barbarei und eine vermuffte Ronantik bilden. Dieser Mann, mit dessen Geschichte ich mich so sehr befaßte und dessen Reden ich bis zum Übelwerden anhörte, wird nie der Befreier der deutschen Arbeiterschaft und des deutschen Volkes sein; er wird eher sein Totengräber "

Kurz nach der Machtübernahme durch die Na:ionalsozialisten ging Knoeringen ins benachbarte Österreich (Wörgl, Wien) und dann in die Tsche:hoslowakei, wo er in Neuern (Nyrsko) unter kärglichen Umständen als Grenzsekretär für Baysrn im Dienst der Sopade (der nach Prag übergesiedelten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands) tätig war. Aufgabe der Grenzsekretäre, die Bescheiden besoldet wurden, war es, zwischen dem Parteivorstand im Exil und den Widerstandsruppen im Reich Kontakt zu halten, illegale Literatur nach Deutschland zu schmuggeln und detaillierte Informationen über die dortige wirtschaftli:he, soziale und politische Lage zu sammeln. Die Deutschland Berichte der Sopade gehören auch heute noch "zu einer unverzichtbaren Quelle für die innere Stimmungs- und Gesellschaftsgeschichte des Dritten Reiches".

i Seine geistige Heimat fand Knoeringen jedoch bei der linkssozialistischen Gruppe "Neu Beginnen". Unter dem Pseudonym "Miles" hatte der Berliner Linkssozialist Walter Loewenheim, der 1927 mit der KPD gebrochen hatte und 1929 der 5PD beigetreten war, 1933 in Karlsbad die Schrift "Neu Beginnen! Faschismus oder Sozialismus" herausgebracht. Während in der SPD die Auffassung überwog, daß das NS Regime nur die kurzlebige Herrschaft eines Agenten von Großindustrie und Großkapital darstelle, sah Loewenheim im Sieg des Nationalsozialismus den Beginn einer langandauernden Phase faschistischer Herrschaft in Europa: "Sie sei Ausdruck einer allgemeinen Tendenz zum zentralisierten Einparteienstaat in der Zeit des niedergehenden Kapitalismus, der anders nicht mehr in der Lage sei, die Macht der Bourgeoisie zu garantieren, und beruhe auf einem Bündnis antidemokratischer, antisozialistischer und nationalistischer Strömungen", also nationalreaktionärer gesellschaftlicher Antriebskräfte. Die Alternative zu Hitler könne nicht in der Rückkehr zu einer parlamentarischen Demokratie ä la Weimar bestehen, in der die Besitzverhältnisse unangetastet geblieben seien; die Entwicklung müsse nach vorwärts weisen, zur sozialistischen Revolution und zur Herrschaft der Arbeiterklasse. Eine solche Analyse und Perspektive schützte Knoeringen vor Illusionen; zugleich verhinderten sein Naturell und das Grundgefühl der Solidarität, daß er der Lagerbildung in der SPD Vorschub leistete. Die fraktionellen Grabenkämpfe innerhalb der Sozialdemokraten hielten während der ganzen Emigrationsphase an, bis bei Kriegsende die linken Abspaltungen und Zwischengruppen wieder in den Schoß der Mutterpartei zurückkehrten. Auch Knoeringen wandelte sich zu einem Repräsentanten der "sozialen Demokratie", die im Sinne einer neuen historischen Synthese die Grundlage für die SPD als Volkspartei schuf.