Von Elmar Schenkel

Wer von Westen in die Hauptstadt von Connecticut einfährt, erhält einen Vorgeschmack auf New York. Vor der Skyline der Banken und Versicherungen vermauerte Fenster, Abfall in der Luft, Menschen in verfallenen Häusern. Daß Hartford im 19. Jahrhundert literarische Metropole des Landes war, will einem nicht mehr einleuchten. Doch die majestätische Farmington Avenue hat Spuren davon bewahrt. Ein halbes Jahrhundert bevor hier der Lyriker Wallace Stevens seiner Arbeit als Versicherungsangestellter nachging, hatte sich die Künstlerkolonie Nook Farm gebildet, bestehend aus gut achtzehn Häusern. Der Kern dieser Siedlung war das Haus der bekanntesten amerikanischen Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts, der Autorin des Weltbestsellers von 1852, „Uncle Tom’s Cabin“ („Onkel Toms Hütte“).

Wer durch die bescheidenen Räume geht, beginnt sich klarzumachen, wie weit das Leben der Harriet Beecher-Stowe von den Klischees entfernt war, die wir heutzutage aufgrund der sentimentalen Züge des Buches mit uns herumtragen. Beecher-Stowe war eine erstaunliche, kämpferische und höchst produktive Frau, die ganz nebenbei auch noch eine Familie aufzog.

Präsident Lincoln, als er sie ins Weiße Haus lud, tat den berühmten Ausspruch: „Diese kleine Frau also hat diesen großen Krieg ausgelöst!“ Beecher-Stowe war wohl die letzte, die diesen Bürgerkrieg wollte. Jedoch war ihr die Sklaverei ein solches Greuel, daß sie eines Tages in der Kirche die Vision von Onkel Toms Tod hatte; sie konnte nur mühsam einen Weinkrampf zurückhalten.

Von nun an begann sie wie im Rausch die herzzerreißende Geschichte von Tom und Eliza und dem verhaßten Sklavenhalter Legree niederzuschreiben: „Der Herr selber hat es geschrieben. Ich war nur ein Werkzeug in seiner Hand“, behauptete sie.

Als das Buch erschien, wurden am ersten Tag 3000 Exemplare verkauft, in fünf Jahren gut eineinhalb Millionen. Heute wird „Onkel Toms Hütte“ nur noch als historischer Beleg gelesen. Doch damals priesen es zeitgenössische Kollegen in den höchsten Tönen; Dickens und Heine ebenso wie Tolstoi und Victor Hugo. Inzwischen ist die feministische Literaturkritik daran gegangen, der Autorin einen Platz neben Emerson, Thoreau und Melville zuzuschreiben.

Ein Gang durch das Haus stößt immer wieder auf die Spuren einer enormen Produktivität. Nicht nur schrieb Beecher-Stowe fast dreißig Jahre lang jährlich ein Buch, sie beteiligte sich bis ins hohe Alter auch an politischen und religiösen Debatten. Viele Bilder zeugen von ihrem Talent als Malerin. Für die Küche entwickelte sie ein besonders rationelles System der Raumnutzung, und sie verfaßte ein Buch zu Haushaltsfragen. Sie stammte aus einer Familie von Theologen und Predigern; das Buch des Mädchens Harriet allerdings wurde die größte und wirkungsvollste Predigt des Jahrhunderts.