Von Michael Schwelien

Hamburg

Per Zufall erfuhren die beiden Hamburger Rechtsanwälte Hans-Joachim Spier und Peter Wulf, daß im März dieses Jahres ihre Telephone von der Polizei abgehört worden waren. Ein Mandant hatte Spier davon berichtet, daß er als Zeuge in einem Verfahren gegen ihn aussagen solle. Den von Spier und Wulf daraufhin eingeschalteten Anwaltskollegen Philip Napp und Wolf Römmig offenbarte sich bei der Akteneinsicht ein Abhörskandal, an dem auch ein Staatsanwalt und ein Richter mitgewirkt hatten.

Was war passiert? Im Einvernehmen mit der Hamburger Polizei hatte der Justizvollzugsbeamte Gerhard Leu Gespräche mit einem Mann namens Hans-Jürgen Ollrogge geführt. Ollrogge, das geht aus den Akten hervor, soll Leu dabei erzählt haben, Spier und Wulf hätten ihn beauftragt, Drogentäter aus dem Gefängnis zu befreien. Die zu befreienden Häftlinge sollten – angeblich – in der Lage gewesen sein, ein großes Geschäft mit 400 Kilogramm Kokain zu verpfeifen, und die Anwälte sollten – angeblich – für die Aktion 150 000 Mark bereitgestellt haben.

Die Polizei hielt die Erzählungen für einen ausreichenden Grund, gegen die Anwälte zu ermitteln und bei der Staatsanwaltschaft die Überwachung ihres Telephons anzuregen. Dies, obwohl Ollrogge bekannt ist als eine schillernde Figur mit einem langen Vorstrafenregister. Im November 1947 wurde er wegen Betrugs in zehn Fällen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, 1950 erhielt er wegen Betrugs in drei Fällen eine weitere Gefängnisstrafe, 1953 vier Monate Gefängnis, diesmal wegen wissentlich falscher Anschuldigung, 1955 Gefängnis wegen Amtsanmaßung, 1957 zwei Jahre und sechs Monate Zuchthaus als „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“, 1975 zwei Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe wegen Betrugs in neunzehn Fällen. Bis heute wurden gegen Ollrogge zehn Haftstrafen verhängt. In einem nervenärztlichen Gutachten für die Hamburger Staatsanwaltschaft stellte der Psychiater und Neurologe Klaus Dubber im Jahre 1978 fest: „Zusammenfassend ist festzuhalten, daß es sich bei Herrn Ollrogge um eine hochabnorme Persönlichkeit handelt ... (und daß er) mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft gleichartige Straftaten begehen wird.“

Obwohl die Polizei Ollrogges Aussagen mit äußerster Skepsis hätte aufnehmen müssen, zumal er sich auf der Flucht befand und am Abend nach dem Gespräch mit Leu festgenommen wurde, nahm sie seine Worte anscheinend für bare Münze. Nähere Angaben allerdings – wo, wann, wer befreit werden sollte – hatte Ollrogge anscheinend nicht gemacht, nur wissen lassen, daß die Betreffenden, sollten sie in Haft bleiben, eine Rauschgiftlieferung preisgeben könnten.

Zwei Tage nach dem Gespräch zwischen Leu und Ollrogge bat die Polizei, „gemäß Rücksprache“, den Staatsanwalt Ulf-Dietmar Gerhardt, einen „TÜ-Beschluß“ zu beantragen, das heißt, sie verlangte die Überwachung der Telephone der Anwälte. Für Gerhardt, der im direkten Kontakt mit den ermittelnden Polizisten stand, scheint der Antrag nicht ungewöhnlich gewesen zu sein. Er benutzte ein vorgefertigtes, dem Abhörgesetz entsprechendes Formular, in das er nur noch Einzelheiten wie Namen und Telephonnummern eintrug. Den Antrag begründete er wörtlich mit den Anschuldigungen des „Zeugen“ Ollrogge.